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Die Schwerpunkte unserer Arbeit greifen die zentralen Themen und Konflikte der sozialen Bewegungen in Brasilien auf: Landkonflikte, Menschenrechte, Minderheitenrechte, ökologische Zerstörung, Urbanisierung, ökonomische Alternativen, soziale Gerechtigkeit oder auch die 2014 und 2016 bevorstehenden sportlichen Megaevents und deren Auswirkungen.

Neueste Artikel aus allen Bereichen

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[Podcast] 100 Tage Bolsonaro

Die Nacht der langen Messer ist vorerst ausgeblieben. Das ist die Kurzbilanz nach dem 1. Quartal der Regierungszeit von Bolsonaro. Die Einstellung der Regierung hat sich allerdings nicht geändert. Vielmehr mussten die “Vamos dar um jeito” (etwa: “Wir kriegen das irgendwie hin”) Fraktion anerkennen, dass Politik komplizierter ist und ein Präsident kein alleinherschender König ist.
[Podcast] 100 Tage Bolsonaro

Quelle: flickr MidiaNinja (CC BY-NC-SA 2.0)

In den letzten Wochen fand sowohl die Frühjahrstagung der Kooperation Brasilien in Frankfurt als auch das europäische Treffen der Freundinnen und Freunde der Landlosenbewegung in Paris statt. Eine gute Gelegenheit um sowohl mit Aktivist*innen aus Brasilien als auch innerhalb der europäischen Soli-Szene eine erste Bilanz der Regierung von Jair Bolsonaro zu ziehen und gemeinsam zu überlegen was eine adequate Antwort der sozialen Bewegungen auf die vielfältigen Bedrohungen sein könnte.

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BAYER-Doppelmoral beim Pestizidverkauf in Brasilien hat zugenommen

Der Verkauf von Wirkstoffen in BAYER-Pestiziden in Brasilien, die auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassen sind, hat von 2016 bis 2019 um 50 Prozent zugenommen.
BAYER-Doppelmoral beim Pestizidverkauf in Brasilien hat zugenommen

Foto: christianrussau

Am 26. April tagt in Bonn die diesjährige Aktionärsversammlung von BAYER. Da wird es wieder Proteste und kritische Redebeiträge gegen die von BAYER in Brasilien an den Tag gelegte Doppelmoral geben.

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre hatte im Jahr 2016 eine Untersuchung der von BAYER in Brasilien zum Verkauf angebotenen Wirkstoffen in Pflanzenschutzmittel, wie BAYER sie nennt, vorgenommen. Die Kritischen Aktionär*innen wollten wissen, ob und welche Wirkstoffe BAYER in Brasilien vertreibt, die auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassen sind. Diese Untersuchung haben wir drei Jahre später wiederholt. Das Ergebnis: Die Zahl der von BAYER in Brasilien vertriebenen, aber auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassenen Wirkstoffe hat nicht ab-, sondern im Gegenteil zugenommen.

Von BAYER in Brasilien (2016) verkaufte Wirkstoffe, die auf EU-Ebene nicht zugelassen sind:

Carbendazim
Cyclanilid
Disulfoton
Ethiprole
Ethoxysulfuron
Ioxynil
Thidiazuron
Thiodicarb

Von BAYER in Brasilien (2019) verkaufte Wirkstoffe, die auf EU-Ebene nicht zugelassen sind:

Carbendazim
Cyclanilid
Ethiprole
Ethoxysulfuron
Fenamidone
Indaziflam
Ioxynil
Oxadiazon
Propineb
Thidiazuron
Thiodicarb
Thiram

Waren es im Jahr 2016 noch acht Wirkstoffe, die BAYER in Brasilien verkauft, die aber auf EU-Ebene laut der EU-Pesticides-Database keine Zulassung haben, so waren es 2019 bereits zwölf Wirkstoffe, die in Brasilien vertrieben, aber laut der EU-Pestizid-Database nicht zugelassen sind. Dies entspräche einem Anstieg um 50 Prozent.

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BASF-Doppelmoral beim Pestizidverkauf in Brasilien hat zugenommen

Der Verkauf von Wirkstoffen in BASF-Pestiziden in Brasilien, die auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassen sind, hat von 2016 bis 2019 um 44 Prozent zugenommen.
BASF-Doppelmoral beim Pestizidverkauf in Brasilien hat zugenommen

Foto: christianrussau

Am 3. Mai tagt in Mannheim die diesjährige Aktionärsversammlung von BASF. Da wird es wieder Proteste und kritische Redebeiträge gegen die von BASF in Brasilien an den Tag gelegte Doppelmoral geben.

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre hatte im Jahr 2016 eine Untersuchung der von BASF in Brasilien zum Verkauf angebotenen Wirkstoffen in Pflanzenschutzmittel, wie BASF sie nennt, vorgenommen. Die Kritischen Aktionär*innen wollten wissen, ob und welche Wirkstoffe BASF in Brasilien vertreibt, die auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassen sind. Diese Untersuchung haben wir drei Jahre später wiederholt. Das Ergebnis: Die Zahl der von BASF in Brasilien vertriebenen, aber auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassenen Wirkstoffe hat nicht ab-, sondern im Gegenteil zugenommen.

Von BASF in Brasilien (2016) verkaufte Wirkstoffe, die auf EU-Ebene nicht zugelassen sind:

Chlorfenapyr
Cyanamide (H & Ca cyanamide)
Flufenoxuron
Imazapic
Imazapyr
Imazethapyr
Saflufenacil
Sethoxydim
Tepraloxydim

Von BASF in Brasilien (2019) verkaufte Wirkstoffe, die auf EU-Ebene nicht zugelassen sind:

Chlorfenapyr
Clothianidin
Cyanamide (H & Ca cyanamide)
Fipronil
Flocoumafen
Flufenoxuron
Glufosinate
Imazapic
Imazapyr
Imazethapyr
Quinclorac
Saflufenacil
Sethoxydim

Waren es im Jahr 2016 noch neun Wirkstoffe, die BASF in Brasilien verkauft, die aber auf EU-Ebene laut der EU-Pesticides-Database keine Zulassung haben, so waren es 2019 bereits dreizehn Wirkstoffe, die in Brasilien vertrieben, aber laut der EU-Pestizid-Database nicht zugelassen sind. Dies entspräche einem Anstieg um 44,44 Prozent.

Siehe http://ec.europa.eu/food/plant/pesticides/eu-pesticides-database/public/?event=homepage&language=EN. Es gibt Wirkstoffe, wie Glufosinat z.B., das laut EU-Pesticide-Database auf EU-Ebene keine Zulassung hat, aber in einigen EU-Mitgliedsstaaten dennoch eine nationale Zulassung erhalten hat.

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"Die Miliz ist keine Parallelstruktur - sie ist der Staat!"

Die Verbindungen der Miliz von Rio de Janeiro mit der Familie Bolsonaro.
"Die Miliz ist keine Parallelstruktur - sie ist der Staat!"

José Cláudio Souza Alves. Foto: privat

Quelle: Originaltext in voller Länge (em português) | Deutschsprachige Übersetzung (gekürzte Version)

In der Operation „Unberührbare”, geleitet von Staatsanwaltschaft und Zivilpolizei, wurden im Januar Mitglieder der ältesten paramilitärischen Miliz in Rio de Janeiro festgenommen. Eines der Ziele der Operation war Adriano Magalhães da Nóbrega, ehemaliger Hauptmann der Militärpolizei, der direkte Verbindungen zur Familie des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro besitzt. Er ist angeklagt, die Miliz angeführt zu haben und Mitglied des Mordkommandos Escritório do Crime (Verbrechensbüro) gewesen zu sein. Gegen ihn wird ebenfalls wegen des Mordes an der Stadträtin Marielle Franco ermittelt. Außerdem wurde vor kurzem bekannt, dass seine Mutter wie seine Ehefrau im Büro von Flávio Bolsonaro arbeiteten, als der älteste Sohn des brasilianischen Präsidenten Abgeordneter im Stadtparlamament von Rio de Janeiro war. Für den Soziologen José Cláudio Souza Alves kam diese Nachricht nicht überraschend. Im Interview mit Agência Pública, das die LN hier in einer gekürzten Version erstmals auf Deutsch veröffentlichen, resümiert er mit Leidenschaft: „Die Miliz in Rio, das ist der Staat!” Nach seiner Analyse sind die Mitglieder der Familie Bolsonaro die politischen Erben der Abgeordneten mit Verbindungen zu den Todeschwadronen der 1990er.

JOSÉ CLAUDIO SOUZA ALVES

Soziologe und früherer Konrektor der Staatlichen Ländlichen Universität von Rio de Janeiro (UFRRJ), forscht seit 26 Jahren zu den Milizen. Er ist Autor des Buches „Von den Drogenbaronen zu den Todesschwadronen: Die Geschichte der Gewalt in der Baixada Fluminese“. Im Interview mit dem brasilianischen Online-Medium Agência Pública erklärt er den Ursprung der Milizen und ihre Verflechtungen mit der Politik.

(Foto: Privat)

 

 

Wie entstanden die Milizen in Rio de Janeiro?
Sie haben ihren Ursprung in der brasilianischen Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985. 1967 entstand die Militärpolizei, eine sehr offensive Truppe, die die Militärs unterstützte. Kurz darauf erschienen die Todesschwadronen: Gruppen aus Militärpolizisten und anderen Mitarbeitern von Sicherheitsbehörden, die als Auftragsmörder operierten. Diese Todesschwadronen arbeiteten in den 1970er Jahren mit Hochdruck. Während der achtziger Jahre erhielten die Mordkommandos zivile Leitungen, die gute Verbindungen zu den Vertreter*innen des Staates besaßen. Mit der Wiederherstellung der Demokratie in den 1990er Jahren begannen genau diese Killer, sich in politische Ämter wählen zu lassen.
In den umliegenden Städten von Rio gab es von 1995 bis 2000 einen Prototyp der heutigen Milizen von Rio de Janeiro, deren Anführer*innen aus städtischen Landbesetzungen kamen. Seit den 2000er Jahre sind die Milizionäre so aufgestellt wie heute: Militärpolizisten, Zivilpolizisten, Feuerwehrleute, und Sicherheitsleute, die dort agieren, wo es früher Drogenhandel gab; gleichzeitig schaffen sie sich eine Machtstruktur über die Eintreibung von Gebühren, den Verkauf von öffentlichen Dienstleistungen oder Gütern, wie Trinkwasser, Müllentsorgung oder Grundstücken.

Haben die Milizen Rückhalt in der Bevölkerung?
Die Miliz tritt mit der Begründung auf, dass sie in die Gemeinden komme, um sich dem Drogenhandel entgegenzustellen. Aber mit der Zeit wird der Bevölkerung klar, dass die Miliz sich gegen sie richtet – sie tötet. Außerdem kontrolliert sie nach und nach den lokalen Handel. Das macht der Bevölkerung Angst und sie unterstützt die Miliz weniger.

Was ist die Geschichte von Rio das Pedras, wo das „Verbrechensbüro” aktiv war?
Rio das Pedras ist eine expandierende Gemeinde, wo sehr arme Menschen leben, die aus dem Nordosten des Landes stammen. Es gibt dort nur wenig Grundstücke, die man bebauen kann, viele davon mit ungeregeltem Landbesitz. Die Milizen besetzen und legalisieren sie – manchmal sogar über die Stadtverwaltung, indem sie Steuern für diese Immobilien bezahlen – und verkaufen sie dann.

Gab es in Rio das Pedras die erste Miliz von Rio?
Nein, das kann man so nicht sagen. Meiner Einschätzung nach sind die Milizen an verschiedenen Orten in der Region gleichzeitig entstanden. Noch nicht als Prototyp, sondern mit lokalen Führungsfiguren, die über Gewalt eine autoritäre Form politischer Kontrolle ausübten. In Rio das Pedras passierte aber alles schneller, dort begann die Forderung von Schutzgeldern. Die Gemeinde sah sich einer Gruppe Milizionäre gegenüber, die sie schützen und verhindern sollte, dass der Drogenhandel eindringt. Aber in Wirklichkeit sollten sie die kommerziellen Interessen der Geschäftsinhaber, die sich in Rio das Pedras niederließen und diese Gruppe finanzierten, schützen.

Wie viele Milizen gibt es heute in Rio de Janeiro?
Ich weiß, dass es viele sind. In praktisch jedem Gemeindebezirk in der Region um Rio de Janeiro sind Milizen präsent.

Wie häufig sind Todesschwadrone wie das „Verbrechensbüro”?
Ich habe noch nie von einer Miliz gehört, die keine Hinrichtungen durchführt. Normalerweise hat eine Miliz ein Team für Exekutionen. Wenn etwas nicht mit den Interessen der Miliz übereinstimmt, wird dieser bewaffnete Flügel aktiviert, um zu töten. Was neu bei den Milizen ist, ist die Palette der Dienstleistungen, die sie neben den Hinrichtungen und dem Sicherheitsdienst anbieten. Die Milizen fixieren sich nicht mehr nur auf große Händler oder großen Unternehmen.

In welchen anderen illegalen Geschäftszweigen operieren die Milizen?
Sie erheben Schutzzölle beim Handel. Sie sagen, dass sie für Sicherheit sorgen, aber später kontrollieren sie die Versorgung mit Wasser und Gas, Zigaretten und Getränken in den Gemeinden. Und es gibt Berichte, dass Leute ermordet wurden, die das nicht akzeptiert haben. Motorrad-Taxis zahlen beispielsweise 80 Reais (ca. 20 Euro, Anm. d. Red.) pro Woche, um operieren zu dürfen. Ein Popcornverkäufer zahlt 50 Reais pro Woche. Das ist Wahnsinn!
Sie errichten illegale Müllkippen in der Region und vergraben dort den Müll von jedem, der dafür zahlt. Tausend Reais pro Lastwagen. Wo es herkommt, ist ihnen egal. Das kann Giftmüll, Industriemüll oder Krankenhausabfall sein. Daneben werden auf dem Markt für Exekutionen seit geraumer Zeit Millionen bewegt. Und sie sind auch im Drogenhandel aktiv, arbeiten mit bestimmten Drogenkartellen zusammen. Sie haben die gleiche Beziehung wie die Polizei zum Drogenhandel: Der funktioniert nur dort, wo Bestechungsgelder gezahlt werden.

Die Milizen kontrollieren also auch öffentliche Dienstleistungen wie Müllentsorgung und bemächtigen sich kommunaler Räume, um illegalen Aktivitäten nachzugehen?
Die finanzielle Basis einer Miliz ist die militarisierte Kontrolle geografischer Gebiete. Das ermöglicht es ihr, den städtischen Raum an sich in eine Einkommensquelle zu verwandeln, zum Beispiel durch Immobilienverkauf. Es gibt ein staatliches Programm Minha Casa Minha Vida (Mein Haus Mein Leben), mit dem Sozialwohnungen gebaut werden. Die Miliz übernimmt die militärische Kontrolle des Baugebiets, bestimmt, wer die Wohnungen bekommt, und verlangt Gebühren von den Bewohnern.
Die Region der Baixada und die Stadt Rio de Janeiro sind große Laboratorien der Ungesetzlichen und Illegalen, die sich zusammenschließen, um eine Struktur der politischen, ökonomischen und kulturellen Macht zu stärken, die geografisch verankert ist und auf Gewalt und bewaffneter Kontrolle beruht.

Sind die Milizen in Rio de Janeiro wegen der Abwesenheit des Staates entstanden?
Der Staat war immer da. Die Auftragsmörder und Milizionäre werden ja gewählt. Es ist der Staat, der festlegt, wer die militärische Kontrolle über diese Region ausübt, weil diese ja staatliche Vertreter sind. Es gibt keine Abwesenheit des Staates, das ist die Machtausübung genau dieses Staates. Eines Staates, der illegale Operationen fortsetzt und dadurch mächtiger wird, als er das im legalen Einflussbereich ist. Weil er auf totalitäre Weise über das Leben bestimmt und man sich ihm nicht entgegenstellen kann.

Aber auf der anderen Seite ist es doch die Bevölkerung, welche die Politiker aus den Milizen wählt?
Sie meinen doch nicht etwa, die Bürger seien Mitschuldige oder Komplizen des Verbrechens? Ja, diese Menschen haben Flávio Bolsonaro gewählt, der, wie sich jetzt herausstellte, möglicherweise Verbindungen zu diesen Gruppen haben soll. Aber unter welchen Lebensbedingungen haben sie das getan? Es sind Bedingungen des Elends, der Armut und der Gewalt, denen sie sich ausgesetzt sehen. Fünf Jahrzehnte der Todesschwadrone führten zu 70 % Zustimmung für Bolsonaro in den Vorstädten Rios. Drei Amtszeiten der Arbeiterpartei, also 14 Jahre präsidialer Macht, haben nichts an diesen Strukturen verändert. Die PT ging ein Wahlbündnis ein, sie suchte die Unterstützung dieser Gruppen.

Was verbindet den Stab eines Politikers und einen Milizionär, wie dies bei Flavio Bolsonaro und der Mutter und Ehefrau von Adriano Magalhães da Nóbrega der Fall war?
Die Ansichten der Familie Bolsonaro. Sie sind die Erben der Diskurse von Politikern wie dem Abgeordneten Sivuca (José Guilherme Godinho Sivuca Ferreira, 1990 Abgeordneter für die Partei PFL, Anm. d. Red.), der den Slogan „Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit!” prägte. Er war einer von der alten Truppe, dem politischen Arm der Todesschwadronen. Dieser Diskurs hat sich fortgesetzt und verfestigt. Es ist logisch, dass die Milizionäre diese Ansichten unterstützen und dadurch stärker werden. Das ist der Plan für öffentliche Sicherheit, den Bolsonaro in seiner Wahlkampagne verteidigt hat. Er sagt, dass die Militärpolizisten die Helden der Nation sind, dass die Militärpolizisten unterstützt werden müssen, dass sie Auszeichnungen bekommen sollten. Ein mögliches unrechtmäßiges Handeln eines Polizisten im Dienst wird von Bolsonaro völlig ausgeblendet. Es gibt Bereiche, die seit der Militärdiktatur immer illegal operiert haben, als Exekutionskommandos. Und jetzt hören sie diesen Diskurs, der ist natürlich Musik in ihren Ohren.

Sehen Sie auch eine finanzielle Verbindung von Milizionären und Politikern?
Es gibt Operationen der Milizionäre innerhalb des offiziellen politischen Systems. In Duque de Caxias existiert ein Zentralregister der staatlichen Liegenschaften. Es gibt Milizionäre, die im Grundbuch der Stadtverwaltung die Immobilien ermitteln, für die lange keine Grundsteuer gezahlt wurde. So ein Milizionär beginnt dann, die Grundsteuer zu bezahlen, verhandelt die Altschuld, und bittet dann darum, diese Immobilie auf seinen Namen zu überschreiben. Die Stadtverwaltung trägt ihn als Besitzer ein. Das ist ein ganz einfacher Vorgang. Und der eigentliche Eigentümer wird später niemals den Mut aufbringen, diese Immobilie zurückzuverlangen, weil sie jetzt mit Waffengewalt kontrolliert wird. Ohne diese direkte Verbindung zur staatlichen Struktur gäbe es die Milizen nicht in der Form, wie es sie heute gibt. Deshalb sage ich, das ist keine Parallelmacht – das ist der Staat.
Und es gibt Politiker, die mit dem so verdienten Geld gewählt werden. Das Geld der Milizen finanziert die Macht eines Politikers wie Flávio Bolsonaro und die Macht von Flávio Bolsonaro fördert die Einkünfte der Milizionäre. Es ist entscheidend, dass diese Struktur so funktioniert. Sie kann nur weiter bestehen, weil sie genau so ist.

Sind Fälle wie die der Mutter und Ehefrau von Adriano Magalhães de Nóbrega, die als Beraterinnen im Stab von Flávio Bolsonaro angestellt waren, üblich?
Ja, das ist ganz normal. Zwischen diesen Personen wird eine Macht- und Geldbeziehung aufgebaut. Der Milizionär stellt einen direkten persönlichen und familiären Kontakt mit Flávio Bolsonaro her. Dieser Kontakt gibt ihm in seiner Gemeinde Macht. Er wird dort bekannt als jemand, der Einfluss auf den Abgeordneten hat und den man ansprechen kann, wenn irgendetwas geregelt werden muss. So entsteht eine familiäre Machtstruktur. Und das ist genau das, wofür sich die Bolsonaros einsetzen: familiäre Strukturen. Und religiöse. Evangelikale Kirchen sind mit diesen Strukturen verbunden. Eine perfekte Verbindung: traditionell, konservativ, religiös, ein Diskurs mit hoher Glaubwürdigkeit.
Das zeigt, wie diese Menschen agieren. Adriano Nóbrega, Flávio Bolsonaro, Bolsonaro selbst, die Auftragsmörder dieser Region. In Brasilien agieren diese Gruppen, die mit Gewalt, Hinrichtungen, organisiertem Verbrechen zu tun haben, nicht im Verborgenen, sondern vor aller Augen. Sie sprechen ganz offen darüber, was sie machen, zu wem sie Verbindungen haben, welche Ämter sie besetzen, wen sie kennen. Damit allen klar ist, mit wem es jemand, der sich ihnen vielleicht widersetzen möchte, zu tun bekommt. All das basiert komplett auf Einschüchterung. Und es sind nicht nur leere Drohungen, sie machen sie auch wahr.

Was ihre politischen Möglichkeiten angeht: Haben sie sogar die Macht, bei Wahlen die Stimmen der Bevölkerung zu manipulieren?
Die Milizen verkaufen Stimmen ganzer Gemeinden in der Region im Paket. Sie haben eine genaue Übersicht der Wahlberechtigten, der Wahllokale der einzelnen Wähler und wissen, wie viele Stimmen dort jeweils abgegeben werden. Sie sind in der Lage festzustellen, wer nicht für ihren Kandidaten gestimmt hat.

Gibt es denn keine Maßnahmen, diese Strukturen zu zerschlagen?
Die Operation „Unberührbare” könnte eine Operation historischen Ausmaßes sein. Aber ich bin sehr kritisch, was solche Einsätze betrifft. Weil die Miliz ein sehr großes Netzwerk ist, kommen für jeden Verhafteten 100 Neue nach. Denn wenn man die ökonomische Struktur aufrechterhält, wird sie auch politisch weiter bestehen.
Niemand legt sich mit diesen Gruppen an. Normalerweise geht man nur den Drogenhandel an, was nicht der gefährlichste Teil ist. Die Milizen sind mächtiger als die Drogenhändler. Die Milizen werden gewählt, Drogenhändler lassen sich nicht wählen. Ich bin sicher, dass die Milizionäre zu einer anderen Klasse als die Drogenhändler gehören. Nicht so arm. Nicht so schwarz. Nicht so marginalisiert.

Der Fall Marielle Franco ist zurück ins Scheinwerferlicht gerückt, weil die verhafteten Milizionäre Mitglieder des „Verbrechensbüros” waren, das des Mordes an der Stadträtin verdächtigt wird. Letztes Jahr hat der Beauftragte für öffentliche Sicherheit in Rio gesagt, der Mord stünde im Zusammenhang mit Grundbuchfälschungen. Glauben Sie, dass sie ermordet wurde, weil sie die Geschäfte der Milizen störte?
Da gibt es zwei Aspekte. Marielle Franco hatte die Macht, den Milizen zu schaden, eine Untersuchung zu beantragen, die die Aufmerksamkeit des Staates und der Medien auf sie gelenkt hätte. Sie hatte eine unabhängige, integre politische Basis, die sie stützte. Sie war also eine Figur, die gefährlich werden konnte.
Der zweite Faktor ist, dass sie eine Frau mit einem ziemlich beeindruckenden Auftreten war, authentisch und nicht einzuschüchtern, die herausforderte und sich nicht unterordnete. Die Milizionäre ertragen solche Frauen nicht und wollen sie eliminieren. Das war der Fall bei Marielle, wie bei Patricia Acioli (Richterin, die für die Gefängnisstrafen von mindestens 60 Milizionären verantwortlich war, ermordet 2011, Anm. d. Red.). Da gibt es einen totalen Frauenhass: Sie akzeptieren nicht, dass eine Frau sie so behandelt.

 

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Brasilien: Wider den Machismo

Am 8. März gingen auch in Brasilien viele Frauen auf die Straße. Sie protestierten gegen den rechtsextremen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro und das von ihm vorangetriebene gesellschaftliche Rollback. Dieses betrifft jedoch nicht nur Frauen. Auch die Situation von Minderheiten und MenschenrechtsaktivistInnen hat sich seit dem Amtsantritt Bolsonaros im Januar massiv verschlechtert
Brasilien: Wider den Machismo

Gedenkfeier nach der Ermordung Marielle Francos, Foto: Uta Grunert

»Am 8. März kommt es zu einem landesweiten Aufschrei der Frauen gegen die Regierung von Präsident Bolsonaro«, prognostizierten die KollegInnen von SOS Corpo, dem feministischen Institut für Demokratiefragen mit Sitz in Recife. Sie sollten Recht behalten: Über 300 große Kundgebungen und Demonstrationen fanden in Rio de Janeiro, São Paulo, Recife, Brasilia, Porto Alegre und anderen Städten statt. Insgesamt gingen weit über hunderttausend Frauen gegen den Präsidenten und die extreme Rechte auf die Straße.

Für viele ist der Wahlsieg Bolsonaros eine Folge der Amtsenthebung der sozialdemokratischen Präsidentin Dilma Rousseff 2016. Bereits dieser »Putsch« sei frauenfeindlich motiviert und eine Machtdemonstration der weißen und männlichen Elite gewesen. Die Frauen werfen Bolsonaro zudem vor, nur durch Manipulationen und illegalen Zugang zu privaten WhatsApp-Konten an WählerInnen und damit an die Macht gelangt zu sein (siehe dazu ausführlicher iz3w 370).

Nun höhlt Bolsonaro den Sozialstaat und die Demokratie aus. So will er mit der Reforma da Providência eine Rentenanpassung durchsetzen, die Frauen als sozialpolitische Verschlechterung empfinden. Viele Frauen leisten die Erwerbs- und Familienarbeit alleine. Die Furcht vor Altersarmut treibt sie nun auf die Straße, um eine garantierte Altersvorsorge zu fordern. Den Sozialversicherungssystemen fehlt Geld, weil große Konzerne seit Jahren nicht für ihre Arbeitskräfte einzahlen. Die Sparzwänge sollen nun auf die Rücken derer abgewälzt werden, von denen angenommen wird, dass sie sich nicht wehren.

 

Lebensgefährlicher Aktivismus …

Die Präsidentschaftswahlen haben vieles verändert. Viele zivilgesellschaftliche Organisationen treffen Sicherheitsvorkehrungen, um sich zu schützen. Kommunikationskanäle müssen neu abgesichert werden, bei öffentlichen Kundgebungen wird mit Gewalt und Übergriffen gerechnet. Nicht jede/r will noch laut Kritik äußern. Es weht ein neuer Wind, der mehr ein eisiger Sturm ist. Er ruft gerade unter Fortschrittlichen und Linken Angst hervor. Der linke und offen homosexuell lebende Parlamentsabgeordnete Jean Wyllys hat noch im Januar das Land verlassen, um dem permanenten Druck von Beschimpfungen bis zu Morddrohungen zu entgehen. Auch Maria-Clara Dias, Professorin für Genderfragen an der Bundesuniversität in Rio de Janeiro, verließ im Februar 2019 Brasilien. Nach einer Veröffentlichung über Morde an lesbischen Frauen sah sie sich einer Rufmordkampagne und Bedrohungen ausgesetzt.

Der neue Kulturkampf wendet sich wahlweise gegen Sozialismus, Kommunismus, das »linke Pack«, gegen Political Correctness oder Minderheiten. Bewahrt werden sollen »traditionelle Familienwerte«. Progressive politische AkteurInnen und queere Lebensentwürfe, Angehörige der Landlosenbewegung, FeministInnen, AfrobrasilianerInnen, Indigene, aber auch MenschenrechtsaktIvistInnen aus dem Umfeld der Katholischen Kirche werden zu Feinden erklärt. Die Linken verdammt der neue Präsident zur absoluten Anpassung: »Oder sie verlassen das Land oder gehen ins Gefängnis. Diese roten Typen werden aus unserem Vaterland verbannt«, verkündet Bolsonaro vollmundig im Wahlkampf. Brasilien verfügt bereits seit der Männer-Fußball-WM 2014 über ein verschärftes Terrorismusgesetz, das schnelle Gerichtsurteile ermöglicht und politisch motivierte Prozesse vereinfacht. Für Polizeikräfte, die im Dienst töten, soll eine weitgehende Straffreiheit gelten.

Am 14. März, kurz nach dem Internationalen Frauentag, jährte sich erstmals die Ermordung der linken Stadträtin Marielle Franco in Rio de Janeiro. Marielle wurde nach dem Mord zur Ikone, weil sie als mutige Frau vieles von dem verkörperte, was in der politischen Elite des Landes Widerstand hervorruft: Aus einer Favela stammend, erlangte die Afrobrasilianerin einen Universitätsabschluss und übte ein politisches Amt aus. Sie kritisierte die willkürliche Polizeigewalt gegen überwiegend junge Schwarze in der Peripherie von Rio de Janeiro. Viele Frauen identifizieren sich mit ihr, weil sie Mutterschaft und das Leben als berufstätige Frau und politische Aktivistin unter einen Hut brachte, offen in einer lesbischen Beziehung lebte und sich gegen Rassismus und für Frauenrechte einsetzte.

Marielle Franco wurde von paramilitärischen Milizen ermordet. Im Januar 2019 wurden eine Reihe von Milizionären, darunter mehrere ehemalige Militärpolizisten, festgenommen. Ein flüchtiger Ex-Militärpolizist gilt als Kopf der Gruppe, die auch wegen Auftragsmorden angeklagt wird. Es bestanden Verbindungen zu Flavio Bolsonaro, dem ältesten Sohn des Präsidenten. Die Mutter und die Ehefrau des Gesuchten haben für Flavio Bolsonaro gearbeitet, der genauso wie zwei weitere Söhne Teil der Bolsonaro-Politik-Dynastie ist. 2018 wurde er im Bundesstaat Rio de Janeiro als Senator gewählt. Zwei Tage vor dem Jahrestag des Mordes wurden erneut zwei ehemalige Militärpolizisten festgenommen, die jetzt als Täter angeklagt werden sollen.

… und neue Gegenwehr

Zum Gedenken an die Stadträtin wurde in Rio de Janeiro eine Straße nach ihr benannt. Das Straßenschild wurde noch im Wahlkampf von Rechten zerstört. Als Antwort darauf wurde das gesamte Viertel mit diesem Schild bestückt. Auch bei Demonstrationen wird es zusammen mit dem Bild von Marielle Franco als mahnendes Symbol getragen.

Im Wahlkampf schloss sich eine Gruppe afrobrasilianischer Frauen linker Parteien zusammen, die sich sementes de Marielle (»Die Saat von Marielle Franco«) nannten. 2018 kandidierten so viele AfrobrasilianerInnen für ein politisches Amt wie nie zuvor. Einige waren enge Mitarbeiterinnen der Ermordeten gewesen. Die Saat geht inzwischen auf, denn viele dieser Frauen wurden gewählt und stehen nun für progressive Ziele und eine gerechtere Gesellschaft ein. Die afrobrasilianischen Bürgerrechtlerinnen Renata Souza, Mônica Francisco und Dani Monteiro sind nun Abgeordnete im Landtag des Bundesstaates Rio de Janeiro. Die Historikerin Talíria Petrone wurde Bundesabgeordnete, sie saß zuvor gemeinsam mit Marielle im Stadtrat. Die Feministin und negra setzt sich für die Straffreiheit von Schwangerschaftsabbrüchen sowie für eine fortschrittliche Drogenpolitik ein. Außerdem kämpft sie gegen die Masseninhaftierung Schwarzer Jugendlicher und gegen das neue reaktionäre Bildungskonzept Escola sem partido.

Escola sem partido wird vom Bildungsminister Vélez Rodríguez und vom Präsidenten gleichermaßen verfolgt. Es verbannt die Auseinandersetzung mit Genderfragen, Rassismus sowie weitere gesellschaftlich relevante Themen aus dem Unterricht, mit dem Vorwurf, damit würden Kinder indoktriniert. Genderthemen und Geschlechtergerechtigkeit werden von der neuen Regierung mit dem Verlust moralischer Werte gleichgesetzt und deshalb bekämpft. Das neue Bildungsmodell steuert über die Vergabe von Fördermitteln, welche Forschung zukünftig erwünscht ist. Die Verantwortung für dieses Gesetz obliegt dem neuen Bildungsminister Rodríguez. Er hat eine Eliteprofessur des Militärs an der staatlichen Universität von Juiz de Fora inne. Der Antikommunist nennt den 31. März 1964, den Tag des Militärputsches in Brasilien, »einen denkwürdigen Tag, den man in Erinnerung behalten sollte«. Er kritisiert die unter Präsidentin Dilma Rousseff eingesetzte Wahrheitskommission, die die Morde und Gewalttaten während der Militärdiktatur dokumentiert hat.

Die brasilianische Zivilgesellschaft bleibt aber auch auf den neuen Agitationsfeldern der Rechtsregierung widerständig. Die brasilianischen Feministinnen sind dabei jedoch keine homogene Gruppe. Häufig laufen ihre Kämpfe parallel zueinander ab, je nach regionalem Kontext und Schwerpunkt. AfrobrasilianerInnen wehren sich eher gegen die verheerende Situation im Strafvollzug und gegen die tödliche, rassistisch geprägte Polizeigewalt gegenüber ihren Söhnen. LGBTIQ-AktivistInnen kämpfen für Geschlechtergerechtigkeit und rechtliche Anerkennung. Indigene Frauen im Amazonasgebiet fordern mehr territoriale Rechte und Selbstbestimmung, sie wenden sich zudem gegen die Inwertsetzung der Natur durch Bergbau, Holz- und Landwirtschaft oder Wasserkraft. Die erste indigene Abgeordnete aus dem Bundesstaat Roraima, Jôenia Wapixana, drängt darauf, dass indigene Anliegen mehr Sichtbarkeit bekommen.

Keine Rechte für Unliebsame …

Bolsonaro hatte im Wahlkampf erklärt, kein weiteres indigenes Gebiet mit entsprechenden Schutzrechten ausweisen zu wollen. Prompt meldete der Indigenenmissionsrat der Katholischen Kirche (CIMI) schon zu Jahresbeginn mindestens sechs Überfälle auf indigenes Land in Maranhão, Mato Grosso, Pará und Rondônia. Laut Einschätzung des Anthropologen Eduardo Viveiro de Castro will Bolsonaro die indigene Frage ‚lösen‘, indem er deren territoriale Rechte rückgängig macht und in Konzessionen für private Unternehmen umwandelt. Indigene sollen sich zukünftig ohne Sonderrechte in die Gesellschaft integrieren, heißt es. Provokant fragt Sonia Guajajara, die indigene Vize-Präsidentschaftskandidatin von 2018, bei einem Treffen mit der Staatsanwaltschaft, warum Übergriffe auf indigene Territorien und deren BewohnerInnen nicht als terroristischer Akt eingestuft würden. Denn im Gegensatz dazu werden soziale Bewegungen wie der Indigenenmissionsrat und die Landpastorale (CPT) von den Rechten kriminalisiert.

Auch gegenüber Frauen äußert sich Bolsonaro ablehnend. Ihm sind insbesondere politisch aktive Frauen wie Marielle Franco, Mônica Francisco oder Jôenia Wapixana ein Dorn im Auge. Am 29. September 2018 gingen mitten im brasilianischen Wahlkampf weltweit Millionen unter dem Slogan #elenao (»Der nicht«) gegen Bolsonaro und für Respekt und Demokratie auf die Straße. Der feministische Aufbruch wurde jedoch in den brasilianischen Massenmedien bewusst totgeschwiegen. Kurz darauf kursierten manipulierte Bilder von nackten Frauen in den sozialen Medien, durch die die Aktivistinnen moralisch verunglimpft werden sollten. »So sehen böse Feministinnen aus! Nehmt sie bloß nicht ernst!« war die Botschaft.

Das Frauenbild der neuen Regierungsmacht steht einer Verankerung von Frauenrechten unvereinbar entgegen. Das Kabinett besteht aus ehemaligen Militärs, VertreterInnen des agrarindustriellen Sektors und evangelikalen FundamentalistInnen. In ihrem Gesellschaftsideal steht die Frau hinter dem Mann – lächelnd und dekorativ, so wie die Präsidentengattin Michele Bolsonaro. Frauen haben in der Familie die Rolle als Ehefrau und Mutter zu übernehmen, sie haben für Kindererziehung und Karitatives einzustehen, ohne weitere Forderungen zu stellen oder Rechte einzuklagen.

Jair Bolsonaro hatte sich mit den Evangelikalen schon im Wahlkampf verbündet, um mit der Unterstützung einflussreicher Prediger die Stimmen ihrer Schäfchen auf sich zu vereinen (siehe dazu ausführlich iz3w 370). Ein erfolgreiches Konzept, denn Bolsonaro wurde auch von Schwarzen, von FavelabewohnerInnen und Homosexuellen gewählt. Sie sahen in ihm den Hoffnungsträger, der ihnen versprach, Gewalt mit Gewalt bekämpfen zu können. Einig sind sich Bolsonaro und Evangelikale in ihrem Feldzug gegen die Rechte von LGBTIQ und gegen die Ausweitung des Rechts auf Abtreibung. Nachdem 2018 bereits 420 Morde an LGBTIQ verübt worden waren, wächst nun mit dem öffentlichen Hass die Angst vor einem weiteren Anstieg der Gewalt. Die Gruppe der Evangelikalen konnten die Zahl ihrer Parlamentssitze von 78 auf 91 erhöhen. Die religiösen Hardliner der Assembleia de Deus, Baptisten und Universalkirche sehen ihren Regierungsauftrag darin, ihre Moral dem Rest der Gesellschaft aufzudrängen.

… aber Waffen für alle

Besorgniserregend sind auch die beabsichtigten Lockerungen im privaten Waffengesetz. Ein Präsidialdekret sieht vor, dass Über-25-Jährige ohne kriminelle Vorbelastung bis zu vier Waffen im Haus haben dürfen. Das ermutigt geradezu zur Selbstjustiz und Bildung von Bürgerwehren, was jedoch einen Anstieg von Gewalt zur Folge haben dürfte. Ein bedrohliches Szenario angesichts der aktuellen Zahlen über Auseinandersetzungen mit Todesfolge. Das Dekret ignoriert zudem eine vorangegangene Empfehlung des Präsidialamts für die Einschränkung des allgemeinen Waffenzugangs. Es war auf der Datengrundlage des letzten halben Jahres zu folgender Aussage gekommen: Obwohl Brasilien nur über drei  Prozent der Weltbevölkerung verfügt, ist es für 14 Prozent der weltweit erfassten Mordfälle verantwortlich. Vergleichbare Zahlen gibt es nur noch in Bürgerkriegsländern wie der Republik Kongo.

Nicht nur indigene Bewegungen, kleinbäuerliche Gruppen und Quilombolas (Nachfahren ehemaliger SklavInnen mit territorialen Rechten) fürchten, dass nach einer Lockerung des Waffenzugangs die Gewalt gegenüber ihren Minderheiten im Konflikt um Land- und Wasserzugang zunimmt. Auch Frauen sehen sich dieser Gefahr ausgesetzt. In den ersten sechs Wochen des Jahres 2019 wurden in 188 Städten 151 Morde an Frauen und 87 gewalttätige Übergriffe registriert. Die Opfer sind in der Mehrzahl Afrobrasilianerinnen. Gewalt gegenüber Frauen ist die extremste Form patriarchaler und machistischer Dominanz und Unterdrückung. Selbst eine katholische Publikation titelte in Anspielung auf das neue Rollenbild der Hausfrau, dass kein Ort für Frauen in Brasilien so gefährlich sei wie das eigene Zuhause. Denn die Staatsanwaltschaft von São Paulo hat im zurückliegenden Jahr nachgewiesen, dass 66 Prozent der Femizide zuhause stattfinden und sie zu 70 Prozent von (Ex-)Partnern verübt werden. Handfeuerwaffen sind dabei neben Messern die zweithäufigste Waffe.

Bolsonaro demontiert mit seiner Regierung bisherige Errungenschaften der sozialen Bewegungen, die Rechte erstritten haben und die nun in eine neue Rolle mit weniger Rechten zurückgedrängt werden sollen. Beispielhaft dafür steht die neue Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte, die evangelikale Pastorin Damares Alves. Ihr Ministerium ist nun auch für die Auseinandersetzungen um territoriale Kämpfe von Indigenen verantwortlich, während die vormals zuständige Indigenenbehörde FUNAI institutionell weiter entmachtet wurde. Alvez will sich zwar für die gleichberechtigte Entlohnung der Erwerbsarbeit von Frauen einsetzen. Zugleich ist sie aber erklärte Abtreibungsgegnerin und wurde in den Medien mit einem »Genderbekenntnis« zur Farbe Rosa für Mädchen und Hellblau für Jungen zitiert.

Die Entwicklungen in den ersten Monaten seit dem Amtsantritt Bolsonaros sind besorgniserregend. Umso wichtiger ist es, Aufmerksamkeit für die Situation in Brasilien herstellen und Alarm zu schlagen. Nichts weniger als die Demokratie, die Menschenrechte und die sozialen Rechte stehen in Brasilien auf dem Spiel. Unabdingbar ist ein auch kritischer Blick auf politische Fehler der Linken in der Vergangenheit, allerdings mit dem Ziel, einen gemeinsamen politischen Weg in die Zukunft zu suchen.

Dieser Artikel erschien in der IZ3W 372 | Klimawandel.

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Polizeimassaker und Faschopolitik am Zuckerhut

Bolsonaro-Land im brasilianischen Spätsommer 2019.
Polizeimassaker und Faschopolitik am Zuckerhut

Rios Gouverneur Wilson Witzel (links), hier im Bild mit Roberto Cortes von VW do Brasil Bus & Trucks (rechts) beim Empfang im BDI in Berlin.

80 Schüsse. 80 Schüsse aus Maschinenpistolen haben den Kleinwagen durchsiebt. Zwölf Militärangehörige standen Patrouille und hatten über Funk gehört, dass gerade ein PKW in der Gegend in Guadalupe, in der Nordzone von Rio de Janeiro, von fünf Männern gestohlen worden war und dass sie Ausschau nach einem weißen VW-Polo halten sollten. Die Militärs sahen ein den Beschreibungen ähnelndes Auto: Es war ein Kleinwagen und der war weiß. Der Fahrer war schwarz. Und es saßen fünf Personen im Wagen. Das reichte als Beleg. Dass es sich bei den Insassen um eine Familie handelte, zählte nicht. Was zählte: ein weißer Wagen, fünf Personen, schwarzer Fahrer. Das reichte als Tätermotiv. Und reichte den Militärs, um 80 Schüsse abzufeuern.
Mit 80 Schüssen haben die Militär das Auto zusammengeschossen. Im Wagen: Der Familienvater und Sambamusiker Evaldo Rosa dos Santos, seine Ehefrau und ihr kleiner Sohn, sieben Jahre alt, sowie sein Schwager und eine Bekannte. Die ersten Schüssen trafen Evaldo, woraufhin er den Wagen so wendete, dass nur seine Frontseite in direkter Schusslinie lag. Seiner Frau Luciana Nogueira gelang es, mit dem Jungen auf den Armen, aus dem Wagen zu springen und unter lautem Rufen „Hier ist eine Familie im Auto!“ auf den dort abgehenden Wahnsinn aufmerksam zu machen. In Unkenntnis der realen Situation wandte sie sich zunächst hilfesuchend an die Militärs, „schützt uns!“
Ehe sie ihren Fehler einsah, war eine weitere Salve von zehn Schüssen auf den Wagen von eben diesen Militärs, bei denen sie eigentlich Hilfe suchte, abgegeben worden. Und die Militärs schossen weiter. Weitere zehn Schüsse. Weitere zwanzig Schüsse. Weitere vierzig Schüsse. 80 Schüsse insgesamt wurden hinterher gezählt. Die in den sozialen Medien kursierenden Videos zeigen die minutenlange Länge des brutalen Verbrechens, dass die Militärs begangen haben.
Eine Tat, die selbst die täglich in Brasilien stattfindende Polizeigewalt in ihren Dimensionen in den Schatten stellt. 80 Schüsse auf eine Kleinfamilie im Wagen, die auf dem Weg zu einer Babyparty war, festlich gekleidet. Ein Verbrechen, weil die Polizei in Rio de Janeiro mal wieder Unschuldige ermordet hat und das Opfer – wie in neun von zehn Fällen bei Polizeitötungen in Rio de Janeiro – ein schwarzer Mann war.
Die Militärs, die die Schüsse abgaben, erklärten zunächst, es handele sich um „Widerstand gegen die Staatsgewalt“. Dann, als die Videos im Internet kursierten und millionenfach angeklickt und kommentiert wurden, ließen die Ermittlungsbehörden mitteilen, es habe eine Verwechslung gegeben. Die Witwe berichtete einen Tag später, als sie die Militärs nach der Exekution ihres Mann anschrie, hätten diese nur gelacht und sich über sie lustig gemacht. Erst zwei Tage später wurden zehn der zwölf beteiligten Militärs vorübergehend vom Dienst suspendiert.
Bolsonaro-Land im brasilianischen Spätsommer 2019. Brasiliens neuer Präsident, der faschistoide Ex-Hauptmann Jair Bolsonaro, hat den Waffenbesitz im Lande gelockert, Justizminister Sérgio Moro hat dem Kongress eine Gesetzesnovelle zur Abstimmung vorgelegt, nach der Polizisten, sollten sie im Dienst töten, sich künftig darauf berufen können, „der Übergriff sei erfolgt aufgrund entschuldbarer Angst, Überraschung oder gewaltiger Emotion“. Sollten die zuständigen Gerichte eines dieser drei Argumente der Militärs oder Polizisten als überzeugend ansehen, sollen die Täter straffrei ausgehen. Sollte diese gesetzesvorlage die zwei Kammern des Kongresses passieren und das Plazet des Präsidenten haben. Letzteres steht außer Frage.
Das gefällt auch dem erklärt faschistischen neuen Gouverneur von Rio de Janeiro, dem Ex-Richter Wilson Witzel. Dieser will für Rio de Janeiro eine neues Gefängnis à la Gunatanamo oder zumnindest Überseetanker so umbauen, dass sie, vor der Küste der Millionenmetropole im Meer dümpelnd, als Gefängnisschiffe dienen könnten. Wilson Witzel lässt sich auch gerne mit Polizisten ablichten, die zuvor im Dienst getötet haben, so geschehen im Fall der Polizisten, die im Februar dieses Jahres die Polizeimassaker im Morro do Fallet und Morro dos Prazeres in Rio durchgeführt hatten, bei dem 15 Favelabewohner – alle jung, schwarz, männlich – von der Polizei regelrecht hingerichtet wurden. Wilson Witzel lässt sich mit diesen mordenden Militärpolizisten stolz grinsend von den Fotograf*innen ablichten und will Polizisten, die im Dienst töten, einen Freifahrtschein erteilen. Wilson Witzel will Sniper auf Favelabewohner schießen lassen. Laut Presseberichten ist das gezielte Erschießen von Favela-Bewohner*innen bereits Praxis. In der Favela Manguinhos wurde im Januar dieses Jahres bekannt, dass Polizisten im Dienst auf einen Wachturm auf einem angrenzenden Polizeigelände hochsteigen und durch die dort eingelassenen Scharten gezielt Favela-bewohner*innen erschießen. Die Begründung: es seien Kriminelle. Der Beleg: Die Favela-Bewohner*innen trügen Waffen. Dass es sich in etlichen Fällen in der Vergangenheit um Handwerker mit einer Bohrmascine in der hand oder um Bewohner*innen auf dem Weg zur rbeit an einem regnerischen Tag, an dem sie einen regenschirm trugen, das zählt für Wilson Witzel nicht.
Wilson Witzel erklärte wiederholt öffentlich, mutmaßliche Kriminelle „abschlachten“ zu wollen. Das bewußte gewählte Narrativ „Abschlachten“ („abater“", kann auch als „Keulen“ übersetzt werden) ist deutlichste Sprache der Lingua Tertii Imperii (LTI), die ungeschminkt alle, die als „anders“ wahrgenommen werden, erst als „Feind“ definiert, dann als „Feind, den es zu vernichten“ gelte und diesen letztlich gänzlich zu entmenschlichen trachtet - so als wären diese Menschen Schlachtvieh. Es war dies die wenig sublime Botschaft der LTI, wie sie von den Nazis propagiert und angewandt wurde. Und dieser Diskurs greift in Brasiliens extrem Rechter seit ein paar Jahren massiv, wie ein Gehirnwäschevirus, um sich.
Bereits in den ersten Wochen nach der Wahl des Hauptmanns Jair Bolsonaro war in den Medien die Rede von einem sichtbaren Anstieg der gewalttätigen Übergriffe bis hin zu Mord und Totschlag gegen all jene, die dem Weltbild der Anhänger*innen des nun zum Präsidenten gewählten Hauptmanns nicht entsprachen. Laut Presseberichten wurden viele dieser Fälle begleitet von exaltierten Ausrufen der Täter*innen, nun sei ihr Präsident an der Macht und daher seien die Opfer „nun dran“. Nach Bolsonaros Amtsantritt kann man nun klar konstatieren: Die gewalttätigen Übergriffe auf alle Andersdenken und -lebenden steigen. Der Transvestit*in Quelly da Silva, 35 Jahre alt, wurde in Campinas im Bundessstaat São Paulo die Brust aufgeschlitzt und das Herz herausgerissen. Anstelle des Herzes wurde das Bild der religiösen Ikone positioniert. 2018 wurden in Brasilien im ganzen Jahr 420 Morde an LGTBQI* verübt. Die Befürchtung ist, dass es 2019 deutlich mehr werden könnten.  
Die neue faschistische Rechte in Regierungsverantwortung in Brasilien spielt auf dieser Klaviatur ihr übles Spiel. Und Wilson Witzel ist einer der prominentesten Vertreter dieser Riege an Politikern, deren LTI-Sprache faschistische Politik erst fordert und dann selbst direkt mitbefördert.
Wilson Witzel ist zudem jener Politiker, der wenige Tage vor den Gouverneurswahlen 2018 in Petropolis bei Rio de Janeiro auf einer Wahlkampfkundgebung neben zwei Kandidaten seiner Partei auf der Bühne stand, damals lag er noch bei den Wahlprognosen noch bei nur vier Prozent.  Als einer beiden Parteikollegen von Witzel das Gedächtnis-Straßenschild von Marielle Franco, das an die Ermordung der linken, schwarzen, lesbischen aus der Favela Maré stammenden Stadtverordneten Franco am 14. März 2018 erinnerte und gemahnen sollte, demonstrativ zerriss, stand Wilson Witzel mit zum Sieg erhobener Faust daneben und applaudierte feixend. Unter lautem Gejohle riefen die Polit-Faschos, alle Linken sollten geköpft werden. Nach dem millionenfach geteilten Video sprang Wilson Witzel in der Wähler*innengunst an die erste Stelle und gewann auch prompt den entscheidenden zweiten Wahlgang.
Angesichts dieses im Lande rasch ansteigenden Klimas der Enschüchterung, der Übergriffe verwundert es nicht, dass die ersten Prominenten das Land verlassen. Nachdem der offen schwule Kongressabgeordente Jean Wyllys von der linken Partei PSOL erklärte, sein Parlamentsmandat in Brasília wegen der anhaltenden Morddrohungen gegen ihn nicht anzutreten, da der Staat, so Wyllys im gespräch mit ak, „weder Willens noch in der Lage“ sei, sein Leben zu schützen und er deshalb stattdessen im Ausland im Exil bleiben werde, twitterte Brasiliens Fascho-Präsident Bolsonaro: „Ein großartiger Tag!“, in unausgesprochener, aber für alle verständlichen Anspielung auf Wyllys‘ Exilentscheidung. Mehrere Minister und Präsidentensöhne twitterten weitere fröhlich-zynische Kommentare hinterher.
Und die Justiz, der Rechtsstaat? Marília Castro Neves ist Richterin am Landgericht von Rio de Janeiro. Auf facebook erklärte sie, „wer dem prophylaktischen Erschießen nicht entrinnen würde, denke ich, das wäre Jean Wyllys.“ Davor hatte sie bereits öffentliche Aufmerksamkeit erregt, als sie unter ein Foto des linken Guilherme Boulos von der Obdachlosenbewegung MTST schrieb, „nach dem Dekret von Bolsonaro“ werde dieser „mit Kugeln empfangen werden“.  Es gingen mehrere Wochen ins Land, bevor der öffentliche Protest bewirkte, dass die Justiz eine Untersuchung der Aussagen von Marília Castro Neves einleitete. Eine auch nur vorläufige Suspendierung von ihrem Amt ist dabei nicht vorgesehen.
Debora Diniz ist Universitätsprofessorin für Anthropologie in Brasília. Diniz steht seit Jahren in der hasserfüllten Kritik der sozialen Medien,da sie sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt. Deswegen hat sie sehr viele Morddrohungen erhalten. Kurz nach der Wahl Bolsonaros erklärte sie, angesichts der Unfähigkeit (oder des Unwillens) des brasilianischen Staates, sie zu schützen, werde sie das Land verlassen.
Während soziale Bewegungen wie die Landlosenbewegung MST, die Bewegung wohnungsloser Arbeiter*innen MTST, der Indigenenmissionsrat CIMI und die katholische Landpastorale CPT von Ministern öffentlich als „kriminell“ und als „Unterstützer von Kriminellen“ diffamiert werden und die verschiedenen Minister sich in Forderung nach Inhaftierung „aller linken Banditen“ überbieten, sehen deutsche Firmen in Brasilien viel Potential für ihre Geschäfte am Zuckerhut. Das deutsche Bundeswirtschaftsministerium seinerseits setzt in Brasilien auf „erleichterte Investitions- und Handelsbedingungen für ausländische Unternehmen“ und rät daher in einem Schreiben, man solle „jetzt auf Brasilien setzen“. Profit geht den deutschen Konzernvertreter*innen doch schon wie immer über Menschenrechte. Bolsonaro-Land im brasilianischen Spätsommer 2019.

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Quilombolas wehren sich gegen Erweiterungsplan der Raketen-Basis von Alcântara

Das Projekt hat bereits zweitausend Familien enteignet; lokale Institutionen sind besorgt, dass sich die Situation durch eine Vereinbarung mit den USA verschlechtert. Die Pressekonferenz fand am Donnerstag (04.04.) in der Zentrale des Büros des Generalstaatsanwalts in São Luís (MA) statt.
Quilombolas wehren sich gegen Erweiterungsplan der Raketen-Basis von Alcântara

Quilolmbolas bei Alcantara Quelle: Novacartografiasocial

Quilombolas aus der Stadt Alcântara (MA) in der Metropolregion São Luís hielten diese Pressekonferenz am Donnerstag (04) ab, um die Vereinbarung über die Nutzung der Alcântara Raketenabschussbasis (CLA) an die Vereinigten Staaten zu verweigern. Die Anklage wurde auf Grundlage der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erhoben.

Die Ankündigung wurde von der Union der Landarbeiter in Alcântara (STTR), der Gewerkschaft der Arbeiter und Arbeiter in der Familienwirtschaft von Alcântara (SINTRAF) und der Bewegung der von der Basis betroffenen Bevölkerung gemacht (MABE).

Der Vertrag zwischen der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro und dem Amerikaner Donald Trump wurde am 18. des letzten Monats unterzeichnet. Das Abkommen sieht unter anderem vor, dass bestimmte Bereiche der Basis einen kontrollierten Zugang durch die US-Regierung haben. Das von Brasilien im Rahmen des Vertrags gesammelte Geld kann nicht in ein nationales Raketenwerferprogramm investiert werden. Technologietransfer zwischen den Ländern ist ebenfalls nicht vorgesehen.

Die Basis von Alcântara wurde 1983 eingeweiht. Seitdem wurden die Quilombola-Gemeinschaften aus ihren Territorien vertrieben, um ihre Sicherheit während des Raketenabschusses zu gewährleisten.

In dem von den Organisatoren der Gruppe herausgegebenen Kommuniqué heißt es: "Der Prozess der Enteignung von Quilombola-Ländern hat bereits mehr als zweitausend Quilombola-Familien erreicht, ein Gebiet, das 52% der Fläche der Gemeinde Alcântaras entspricht. Hunderte von Familien wurden in Agrovilas umgesiedelt, weit mehr als zehn Kilometer vom Zugang zum Meer entfernt. Der neue Ort hat unfruchtbare Böden und ist nicht ausreichend für die Entwicklung von wirtschaftlichen Aktivitäten. Er ermöglicht keine Bewirtschaftung der für sie charakteristischen natürlichen Ressourcen. "

In dem Text heißt es auch, dass es aufgrund der Enteignung "die Verschärfung der Armut, den Zusammenbruch der Bindungen zwischen den Gemeinschaften und die Schwächung kultureller Manifestationen, die typisch für die Quilombola-Gemeinschaften der Region sind", gab.

Seit 2008 warten die Quilombolas darauf, dass die Bundesregierung einen Bericht des Nationalen Instituts für Kolonialisierung und Agrarreform (INCRA) ratifiziert, in dem es ihr Recht auf 78.000 Hektar Land in der Region anerkennt. Mit der Kündigung beabsichtigen sie, den Titel ihres Landes und die Durchführung einer öffentlichen Konsultation zu gewährleisten, die dem möglichen Fortschritt des Abkommens mit den USA vorausgeht.

"Das Kollektiv erfüllt das Ziel, der Gesellschaft zu zeigen, dass es eine große Anzahl von Quilombola-Gemeinden in der Region um Alcântara gibt, wo die Erweiterung der Basis vorgesehen ist, und dass diese Gemeinschaften sich wehren werden und sich weigern, ihr Gebiet einer Nutzung durch die USA zur Verfügung zu stellen", sagt Danilo Cerejo von MABE.

Er erklärt, dass die Vereinbarung mit den Vereinigten Staaten die Situation der Quilombola verschärft, da sie die Perspektive des Titels und der Siedlung weiter verzerrt: "Diese Vereinbarung bestätigt, dass das Szenario der Unsicherheit und der Rechtsunsicherheit der Gemeinden hinsichtlich des Titels ihres Territoriums zerstört wird. Der technische Bericht über Identifikation und Abgrenzung wurde bereits 2008 von INCRA veröffentlicht. Ohne die Anerkennung ist der Titel des Gebiets der Gemeinden kein Fortschritt. "

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Die CPT (=Landpastoralkommission) wird diese Woche die Landkonfliktbroschüre 2018 veröffentlichen

Am kommenden Freitag, den 12. April 2019, wird die Landpastoralkommission (CPT) ihre jährliche Veröffentlichung „Landkonflikte in Brasilien 2018“ lancieren.
Die CPT (=Landpastoralkommission) wird diese Woche die Landkonfliktbroschüre 2018 veröffentlichen

Foto: Thomas Bauer

Quelle: Thomas Bauer

Es ist die 34. Ausgabe des Berichts, in der Daten zu Konflikten und Gewalt gegen Landarbeiter und Landarbeiterinnen der ländlichen Regionen Brasiliens, einschließlich indigener Völker, Quilombolas und anderer traditioneller Völker systematisch gesammelt sind.

Die Veröffentlichung der Publikation findet um 14:30 Uhr im Sitz der Nationalen Bischofskonferenz der Bischöfe Brasiliens (CNBB) in Brasília (DF) statt. An der Veranstaltung werden der CPT-Präsident Bischof André de Witte, Vizepräsident José Ionilton, beides Mitglieder der nationalen Koordination der CPT sowie Antônio Canuto, Journalist und Mitarbeiter der CPT, und Diana Aguiar, PhD für Stadt- und Regionalplanung an der Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ) und Mitglied der National Advisory Group (GNA) der FASE (Federation of Organs for Social and Educational Assistance) sowie Bischof Leonardo Steiner, Generalsekretär der CNBB, und Márcia Palhano, Mitarbeiterin der CPT im Bundestaat Maranhão sowie die Bäuerin Eulina da Silva der Gemeinde Gabriel Filho in Palmeirante (TO), die im April 2018 vertrieben wurde, teilnehmen.

Die Wasserkonflikte 2018 haben einen neuen Rekord aufgestellt und die Anzahl der Familien, die in Landkonflikte vertrieben wurden, hat sich erhöht.

Aus dem Bericht geht hervor, dass 2018 das Jahr mit den meisten Wasserkonflikten war, seit die CPT im Jahr 2002 begonnen hat, Land- und Wasserkonflikten getrennt zu registrieren (276). 73.693 Familien sind von diesen 276 Konflikten um Wasser betroffen. 85% von ihnen stammen aus traditionellen Gemeinschaften. Die Anzahl der Konflikte ist um 40% höher als im Jahr 2017. Die der betroffenen Familien um 108% gestiegen.

2.307 Familien wurden aus ihren Gebieten vertrieben. Diese Zahl liegt 59% über der von 2017. Für die CPT gilt als Vertreibung, wenn die Familien ohne richterliche Anordnung vertrieben werde oder zu einer Räumung kommt.  In diesen Fällen handelt es sich in der Regel um Grossgrundbesitzer, Firmenbesitzer und den angeblichen Eigentümer, der die Familien eigenständig verdrängt. Hauptsächlich durch Druck von Jagunços (angeheuerte Killer) und oft unter illegaler Beteiligung der Polizei. Die Vertreibungen finden größtenteils in Gebieten statt, wo Großfarmer sich Staatsland illegal aneignen.

___________________________________

Veröffentlichung:

Konfliktbroschüre “Landkonflikte in Brasilien 2018”

Wann: 12 April (Freitag), ab 14:30 Uhr (brasilianischer Zeit).

Wo: Nationale Bischofskonferenz (CNBB) – SGAN 905 Bloco C – Asa Norte, Brasília (DF).

Informationen:

Cristiane Passos (62) 4008-6406 / 99268-6837

Elvis Marques – (62) 4008-6414 / 99413-0298

Mário Manzi – (62) 4008-6412

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Politische Bildung zwischen Repression & Widerstand: Die ENFF im Jahr 2019

Die 'Escola Nacional Florestan Fernandes' bildet einen wichtigen Teil der politische Arbeit der MST. Lorenz* berichtet über die prekären Verhältnisse zwischen staalicher Repression und notwendigem Widerstand.
Politische Bildung zwischen Repression & Widerstand: Die ENFF im Jahr 2019

Wohl kaum eine Wahl in jüngerer Vergangenheit eröffnete in Lateinamerika den Weg für solch tiefgreifende politische, gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen, wie die des ultrarechten und neoliberalen Jair Bolsonaro zum Präsidenten von Brasilien im Oktober 2018. Die politische Karriere von Jair Bolsonaro ist dabei nicht erst seit dem Wahlkampf oder dem Amtsantritt im Januar 2019 geprägt von verbalen Anfeindungen und
Drohungen gegenüber linken Kräften und sozialen Bewegungen.

Besonders im Fokus steht hierbei die brasilianische Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (MST), die für den neuen Präsidenten und seine neoliberale Agenda aufgrund ihres langjährigen Kampfes für eine Agrarreform, soziale Gerechtigkeit sowie politische Bildung und Teilhabe der armen Landbevölkerung in Brasilien „Terrorismus“ betreibt. Unter diesen neuen Verhältnissen eröffnet ein Besuch in der Escola Nacional Florestan Fernandes (ENFF) Anfang 2019 Einblicke in die Herausforderungen und Aufgaben der MST zwischen drohender staatlicher Repression und notwendigem Widerstand.

Seit ihrer Entstehung in den 1980er Jahren stellt Bildung einen maßgeblichen Bereich der politischen Praxis der MST dar. Die Bewegung betreibt landesweit in ihren Besetzungen und Siedlungen mehr als 2.000 teils staatlich anerkannte Schulen und Bildungseinrichtungen, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene eine Ausbildung erfahren, die sowohl offizielle Lehrpläne als auch politische Inhalte umfasst. Für die rechte Regierung um Bolsonaro und die großen Agrarunternehmen ist der gesellschaftskritische Bildungsbegriff der MST eine Gefahr, der es mit Kriminalisierung zu entgegnen gilt. Ende Januar kündigte der Staatssekretär für Landfragen der neuen Regierung, Luiz Antônio Nabhan Garcia, die Schließung von Bildungseinrichtungen der MST an. Die Begründung für die Schließung der von ihm als „Diktatorenfabriken“ bezeichneten Einrichtungen äußerte sich wie folgt: „Sie erziehen dort Marxisten, Leninisten und Bolivarianer und lehren ihren Kindern, fremdes Landeigentum zu besetzen“.

Trotz dieser angekündigten Kriminalisierung, läuft zu Beginn dieses Jahres der Betrieb in der 2005 im Bundesstaat Sao Paulo eröffneten Escola Nacional Florestan Fernandes überwiegend normal. Die ENFF ist als nationale Bildungseinrichtung für die MST von großer Bedeutung. In der Schule wird die Diversität der Bewegung auf nationaler Ebene organisiert, es werden inhaltliche und theoretische Debatten angestoßen, geführt und anschließend kollektiviert sowie jährlich unzählige internationale Unterstützer*innen empfangen.

Seit der Eröffnung der Schule haben ca. 42.000 Menschen an den verschiedenen Kursen und Studiengängen teilgenommen. Aktuell werden in der ENFF portugiesisch- und englischsprachige Kurse wie unter anderem political trainer, latin american political theory, study of revolutions oder auch mining-buisiness angeboten. Dementsprechend vorsichtig geworden ist man in Anbetracht dieser Drohungen in Bezug auf die Sicherheit der ENFF. Schon seit der Eröffnung dieser nationalen Bildungseinrichtung suchen die Sicherheitsbehörden immer wieder Vorwände, um in die Schule zu gelangen. Zudem sehen sich grundsätzlich landesweit Aktivist*innen der MST der Gefahr ausgesetzt, zum Ziel von paramilitärischen Gruppierungen oder den Sicherheitsbehörden zu werden. Seit der Wahl Bolsonaros nimmt die Repression gegenüber Aktivist*innen der MST insbesondere in ländlichen Gebieten Brasiliens zu.

Diese Tatsachen führen für die ENFF zu einem schwierigen Widerspruch, da einerseits erhöhte Sicherheitsvorkehrungen und der Schutz vor Infiltration notwendig sind, gleichzeitig jedoch eine Offenheit gegenüber der Gesellschaft erhalten bleiben soll. Aufgrund der konstanten internationalen Unterstützung und der relativ großen Öffentlichkeit der Einrichtung, sei eine Räumung oder Schließung der ENFF, anders als in ländlicheren und kleineren Bildungseinrichtungen, aktuell aber kein Thema. Ein anderer Bereich, der laut Aktivist*innen in der ENFF von der angekündigten Kriminalisierung betroffen werden könnte, umfasst die Finanzierung von Bildungseinrichtungen der MST. Neben der Beschneidung von staatlichen Mitteln für Schulen der Bewegung, bestehe unter der neuen Regierung zudem die Gefahr, dass die finanzielle Unterstützung durch NGOs und internationale Unterstützerorganisationen der MST ins Visier der Behörden gerate. Nichtsdestotrotz blickt man in der ENFF und der MST hauptsächlich kämpferisch auf die veränderten politischen Verhältnisse und die drohende Kriminalisierung. Der ENFF kommt in dieser Zeit die wichtige Aufgabe zu, unterschiedliche Einschätzungen zum weiteren Vorgehen aus der Basis zu diskutieren, die neuen politischen Entwicklungen theoretisch einzuordnen und dieses Wissen wiederum für die Basis zu reproduzieren. Oder wie es ein Mitglied der Permanenten Brigade der ENFF verdeutlicht: „Politische Bildung und ein «Battle of Ideas» sind jetzt umso mehr von Bedeutung.“

Abschließend hervorzuheben ist, dass bei dem Besuch in der ENFF immer wieder betont wurde, welch wichtige Rolle die internationale Solidarität mit der MST in diesen schwierigen politischen Zeiten spielt. Der Bedarf an Austausch mit internationalen Unterstützer*innen sowie der damit einhergehenden politischen und finanziellen Hilfe, ist unter der Regierung Bolsonaro noch größer geworden. Als beispielsweise 2015 die Polizei versuchte auf das Gelände der ENFF zu gelangen, waren es die internationale politische Solidarität und die starke Öffentlichkeit der Schule, die dies verhindern konnten. In Anbetracht dessen plant die MST aktuell auch eine Delegationsreise nach Europa, um zukünftige Möglichkeiten der Solidarität mit der Bewegung zu diskutieren.

Insgesamt lässt sich also trotz der besorgniserregenden politischen Entwicklungen in Brasilien folgendes festhalten:
„For our part, we will continue to fight for popular agrarian reform and for a popular project for Brazil, and we ask our friends on all continents to remain attentive to developments in Brazil and to denounce (...) the conservative offensive (…).“ Nationaldirektion der MST, Oktober 2018


*Lorenz studiert Soziale Arbeit und hatte die Möglichkeit, die ENFF im Februar 2019 zu besuchen.
Dieser Text ist Teil eines regelmäßigen Newsletters der FreundInnen der brasilianischen
Landlosenbewegung MST e.V. und treemedia e.V.
Kontakt: amigas@mstbrasilen.de

Gerne möchten wir an dieser Stelle auch auf die Wichtigkeit der finanzieller Untererstützung für die Esocla Nacional Florestand Fernandes (ENFF) hinweisen. Die Schule braucht Pat_innen, um mit einem einmaligen oder monatlichen Beitrag die laufenden Kosten zu decken. Mehr Infos siehe: hier und hier.

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Neuer Staatssekretär bricht Dialog mit MST

Inmitten der Militarisierung und Demontage der für die Agrarreform verantwortlichen Institutionen verteidigt der neue Staatssekretär für Landfragen, Luiz Antônio Nabhan Garcia, im Interview mit der Zeitschrift Veja die Ermordung von Landlosen und kündigt an, er werde die Schulen des MST schließen.
Neuer Staatssekretär bricht Dialog mit MST

Militarisierung der Landfrage
Die neuen Frontmänner der Bolsonaro Regierung in den für Agrarreform zuständigen staatlichen Institutionen tragen Tarnfarben-Uniform und Waffen: Ein Drittel der Führungspositionen in den Ministerien ist nun besetzt mit ehemaligen oder aktiven Mitgliedern des Militärs. Das INCRA ( Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária, Nationales Institut der Kolonialisierung und Agrarreform), verantwortlich für die Registrierung und Verwaltung von Land, hat nun als Präsidenten einen General namens João Carlos Corrêa . Ein Coronel , João Miguel de Sousa, ist der neue Amtsträger des Richteramtes, verantwortlich für die Anhörung von Anklagen in Landkonflikten. Die FUNAI ( Fundação Nacional do Índio ), die die traditionell von indigenen Völkern bewohnten Gebiete erfassen und schützen soll, ist nun unter dem Kommando von General Franklimberg Ribeiro de Freitas - auch ehemaliger Berater der kanadischen Bergbaufirma Belo Sun Mining. Luiz Antônio Nabhan Garcia, der als neuer Staatssekretär für Landfragenverantwortlich sein wird für die Demarkation von Indigenem- und Quilombola-Land sowie für die Verhandlungen mit sozialen Bewegungen wie der MST, ist kein Militär.
Mit seiner Rhetorik passt Nabhan Garcia, der nebenbei Präsident der União Democrática Ruralista (UDR), einem Lobbyverein von Großgrundbesitzern ist, trotzdem gut ins Bild: In einem Interview mit Veja vom 16. Januar 2019 nennt er die MST eine “illegale Organisation”, eine “Armee von Banditen, von Außergesetzlichen” und vergleicht sie mit den Drogenbanden PCC ( Primeiro Comando da Capital ) und Comando Vermelho. Er erklärt, er werde keinen Dialog mit der MST führen und die Strafen für die “illegalen Besetzungen” der MST müssten verschärft werden. Das Land, das 350.000 Familien der MST in den letzten drei Jahrzehnten zugeteilt wurde, müsse erneut überprüft und könne ihnen wieder weggenommen werden.


Straflosigkeit für Ermordung von KleinbäuerInnen
Außerdem verteidigt Nabhan Garcia das “Recht” der Großgrundbesitzer, Schusswaffen gegen “Eindringlinge” zu benutzen. Im Interview mit Veja sagt er: “Manchmal, in der unmittelbaren Gefahr getötet zu werden, seinen Sohn ermordet oder sein Besitz in Brand gesteckt zu sehen, geht ein Großgrundbesitzer hin und tötet einen Landlosen. Was passiert am nächsten Tag? Der Verstorbene wird zum Märtyrer, und der, der geschossen hat, wird zum Bösewicht, wird zum Angeklagten, bekommt dreißig Jahre Gefängnis. Es ist alles verdreht”. Diese Einstellung vertritt die UDR seit ihrer Entstehung als organisierte und gewaltvolle Antwort der Großgrundbesitzer auf die ländlichen sozialen Bewegungen in den 1960er Jahren. Nabhan Garcia, als Präsident der UDR, ist Teil eines kontinuierlichen Projektes der Vertreibung und Ermordung von Mitgliedern der ländlichen Bewegungen wie der MST. In den 1990ern und Anfang der 2000er war er beteiligt an der Organisation von privaten Milizen und Beschäftigung von Scharfschützen zu diesem Zweck. Die Zahl der Ermordungen von Kleinbauern, Indigenen und Quilombolas ist extrem hoch: Zwischen 1985 bis 2017 wurden 1,904 Menschen registriert, die in Landkonflikten in Brasilien umgebracht wurden. Die Straflosigkeit fördert die Gewalt auf dem Land: Nur 8% der Beschuldigten wurden bis jetzt vor Gericht verurteilt (31Auftraggeber und 94 Ausführende der Ermordungen). Die von der Comissão Pastoral da Terra (CPT, Kommission der Landpastorale) erfassten Daten der Massaker und Ermordungen auf dem Land zeigen einen starken Anstieg der Morde ab dem Jahr 2015. 2017 wurden 70 Ermordungen registriert, 40% davon bei Massakern (die Ermordung von mehr als drei Personen gleichzeitig), die höchste Zahl seit 2003. 2018 stieg die Zahl der Ermordungen auf 108 Personen, wobei das CPT registrierte, dass 54% der Ermordeten Anführer von Bewegungen waren (im Vergleich zu 22% im Jahr 2017).


Die Notwendigkeit der Besetzungen im Prozess der Landumverteilungen

Der von Nabhan Garcia geäußerte Vorwurf, die MST würde sich unrechtmäßig private Grundstücke aneignen, ist falsch. Tatsächlich ist privater Grundbesitz an die Erfüllungspflicht eines sozialen Nutzens gebunden und der vorgesehene Prozess der Enteignung und Umverteilung ist definiert in dem 1964 erlassenen Gesetz Estatuto da Terra sowie in Artikel 154 und 148 der Verfassung von 1988. Seit 1988 ist das staatliche Institut INCRA verantwortlich dafür festzustellen, welche Besitztümer unproduktiv sind, sich durch gefälschte Eigentumstitel ( grilagem ), Steuerhinterziehung, sklavereiähnliche Arbeitsbedingungen oder Umweltverbrechen im Zustand der Illegalität befinden und demzufolge umverteilt werden müssen. Da dies ohne Druck “von unten” jedoch nicht passiert, sind die Besetzungen der MST wichtige Methoden, um die staatlichen Institutionen aufzufordern, ihre Pflicht zu erfüllen.

Im Erfolgsfall benachrichtigt das INCRA daraufhin den Großgrundbesitzer und das zuständige Ministerium über die Missverhältnisse. In einem juristischen Prozess, der oft mehrere Jahre dauert, wird festgestellt, ob im konkreten Fall die Voraussetzungen für Enteignung und Umverteilung erfüllt sind. Im Falle einer Enteignung ist das INCRA zuständig für die Zuteilungen der Grundstücke und den Ausbau der Infrastruktur sowie die Einstellung von technischen Beratern, um die neu entstehenden Gemeinden in ihren Investitions- und Entwicklungsprojekten zu unterstützen (PRONAF, Nationales Programm zur Stärkung Familiärer Landwirtschaft).


Verdienste der MST auf dem Land
Die Landbesetzungen des MST, die Nabhan Garcia als “Invasionen” darstellt, sind daher legitim und haben historisch eine enorm wichtige Rolle in den strukturellen Veränderungen des Landes gespielt. Viele Gebiete, die unproduktiv waren, wurden
durch die Bewegung verändert, die Kooperativen der Bewegung zahlen Steuern, verkaufen auf Märkten und in Läden und spenden Lebensmittel. Die ökologische Produktion der 100 Kooperativen, 96 Agrarindustrien und 1,900 Genossenschaften der MST, mittlerweile der größte Produzent von Bio-Reis in Lateinamerika und der größte Produzent von Bio-Produkten in Brasilien, wäre nicht möglich gewesen ohne die Landbesetzungen. Genauso wenig wie die durch den kollektiven Prozess geschaffene soziale Gleichberechtigung im Zugang zu gesunden Lebensmitteln, Wohnraum, Arbeit, Bildung, und Kultur.
Mehr als 200.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben dank der Schulen der MST auf besetztem und durch Agrarreform zugeteiltem Land Zugang zu Bildung in Kindergärten, Grundschulen, Hochschulen und zu technischen Ausbildungen.
Viertausend Lehrer arbeiten an den Schulen, mehr als 250 ErzieherInnen in den Kindergärten. Die Schulen der Bewegung sind fundamental für die Alphabetisierung auf dem Land: Fünfzigtausend Erwachsene lernten durch die selbstorganisierten Kurse der Bewegung Lesen und Schreiben. Die zweitausend Schulen der MST, die zum Großteil durch den staatlichen Bildungsund Kulturrat anerkannt sind, nennt Nabhan Garcia “kleine Diktatorenfabriken”, die ihm zufolge geschlossen werden sollen. “Es geht nicht, dass marxistische, leninistische, bolivarianische Schulen zugelassen werden, die Kindern beibringen, Privatbesitz zu invadieren und Verbrechen zu begehen. Wir werden die Schulen schließen und die Verantwortlichen für die Indoktrination bestrafen. Außerdem muss das als Verbrechen eingestuft werden, als Hochverrat”, so Nabhan Garcia.


Dieser Text ist Teil eines regelmäßigen Newsletters der FreundInnen der brasilianischen Landlosenbewegung MST e.V. und treemedia e.V.
Kontakt: amigas@mstbrasilen.de

Autorinnen: Mareike Wiegels und Janailson Almeida

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Regierung Bolsonaro in Brasilien: Menschenrechte unter Beschuss

Stellungnahme des Kooperation Brasilien e.V. vom 31.03.2019
Regierung Bolsonaro in Brasilien: Menschenrechte unter Beschuss

KoBra-Logo

 

Seit dem offiziellen Amtsantritt von Staatspräsident Jair Bolsonaro am 1. Januar 2019 in Brasilien sind drei Monate vergangen. Auch wenn eine ausführliche Analyse über die Tätigkeiten der Regierung in Brasilien noch nicht möglich ist, sind die Kooperation Brasilien und ihre Mitglieder beunruhigt über die Situation in Brasilien. Die politische Situation ist für Aktivist*innen, linke Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Lesbian-Gay-Bisexual-Trans-Queer-Intersexuals / LGBTQI*s äußerst prekär und geprägt durch eine permanente Bedrohungslage. Die Sicherheitslage auf dem Land für Kleinbäuerinnen und Landlose ist weiterhin unerträglich und die Mordrate an schwarzen, armen Jugendlichen aus den Favelas weiterhin hoch.

In dieser Stellungnahme möchten wir exemplarisch auf drei alarmierende Entwicklungen hinweisen:

Der Hassdiskurs und die Verunglimpfung durch Jair Bolsonaro gegenüber linken Politiker*innen, sozialen Bewegungen oder Repräsentant*innen des Bildungssystem, welche schon eine zentrale Komponente seiner Wahlkampagne waren, werden weiterhin beibehalten und gepflegt. Die unmittelbaren Auswirkungen dieser Hassbotschaften sind schwer zu bestimmen. Seit den Wahlen im November 2018 nehmen jedoch die Angriffe und Ermordungen von Frauen zu.1 In Rio de Janeiro ist die Zahl der Tötungen durch Polizist*innen in den ersten zwei Monaten im Vergleich zum Vorjahr signifikant gestiegen.2 Die Hemmschwelle für Verbrechen gegen Frauen, LGBTQI*, Schwarze und generell Andersdenkende und -lebende scheint durch die Hasspropaganda von Bolsonaro und seinen Anhänger*innen gesunken zu sein.

Für breite Empörung sorgte die provisorische Maßnahme MP 870 vom 1. Januar 2019, die eine Neuzuweisung und Reduzierung der Funktionen von Bundesministerien festlegt. Unter anderem wurde dem von einem Militärgeneral geführten Regierungssekretariat die Aufgabe der Überwachung von NGOs und internationalen Organisationen erteilt.3 Dieser glasklare Angriff auf das zivilgesellschaftliche Engagement in Brasilien hat zum Ziel, die Anliegen und Kämpfe der NGOs und ihrer Verbündeten zu delegitimieren und ihre Unterstützungsarbeit für Indigene und Quilombolas zu verunmöglichen. Damit wird der Druck auf Akteure der Zivilgesellschaft, aber auch auf wirtschaftliche Akteure wie Banken weiter erhöht. So gibt es bereits erste Berichte von Organisationen aus dem deutschsprachigen Raum, nach denen die Überweisung aus dem Ausland an die Obdachlosenbewegung MTST von den beteiligten brasilianischen Banken behindert werden.

Die vorläufige Maßnahme MP 870 überträgt auch die Aufgabe der Identifikation und Ausweisung von indigenen Territorien an das Agrarministerium, das von der den Schutzanliegen kritisch gegenüberstehenden Lobby des Agrarbusiness dominiert wird. Die Entmachtung der Bundesbehörde für die Angelegenheiten der indigenen Völker, FUNAI, stellt eine konkrete Bedrohung für die Kämpfe der Indigenen dar. Sie verlieren nicht nur den zentralen staatlichen Partner für ihre Anliegen, sondern sehen sich auch mit einer Kriminalisierung der unterstützenden NGOs und Umweltorganisationen konfrontiert. Des Weiteren nehmen die Angriffe auf Aktivist*innen im Amazonas zu. Am 22. März 2019 wurden die Aktivistin Dilma Silva vom Movimento dos Atingidos das Barragens (MAB) und zwei ihrer Mitstreiter im Bundesstaat Pará ermordet.

Die Entwicklungen zeigen, dass die Gewalt in Brasilien auf dem Vormarsch ist. Die aktuelle Regierung fördert mit ihrem Hassdiskurs sowie ihrer Sicherheits- und Umweltpolitik die weitere Eskalation dieser Spirale. Die Leidtragenden sind die Indigenen, Quilombolas, Landlosen, Aktivist*innen von sozialen Bewegungen, Gewerkschafter*innen, linke Parlamentarier*innen, LGBTQI* und die arme, schwarze Bevölkerung der Peripherien.


Die Kooperation Brasilien fordert von der deutschen Bundesregierung:

Die Bundesregierung möge vor jeglicher Entscheidung bilateraler und multilateraler Zusammenarbeit mit der Regierung Bolsonaro deutsche und brasilianische soziale Bewegungen hören und einbinden.

Die Bundesregierung soll völkerrechtliche Staatenverpflichtungen, z.B. das Pariser Klimaschutzabkommen, einfordern und dafür Sorge tragen, dass diese uneingeschränkt beachtet werden, sowohl hinsichtlich territorialer wie extraterritorialer Verpflichtungen sowie hinsichtlich der Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards durch deutsche Unternehmen.+

Sofern der deutsche Staat in die Finanzierung von Projekten eingebunden ist – etwa auch durch Hermes-Bürgschaften –, müssen Umwelt- und Sozialstandards bindend eingefordert werden.

Beschlossen durch die Mitgliederversammlung des Kooperation Brasilien e.V. Am 30. März 2019 n Frankfurt am Main

Die Kooperation Brasilien e.V. ist ein Netzwerk an der Schnittstelle von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, Akteur*innen der sozialen Bewegungen in Deutschland und Brasilien, wissenschaftlicher Organisationen und interessierter Öffentlichkeit. Ihr Ziel ist es, soziale Bewegungen in ihrem Engagement für eine gerechtere und nachhaltige Welt zu stärken. Dabei verdeutlicht KoBra durch politische Bildungsarbeit globale Zusammenhänge im brasilianischen Kontext.

www.kooperation-brasilien.org
Kronenstraße 16a
79100 Freiburg
Deutschland
info@kooperation-brasilien.org
Telefon: +49 761 6006926

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Schwarze Brasilianerinnen kämpfen gegen staatlichen Rassismus

Mônica Francisco folgte der Einladung des Schweizer Kollektivs TAOCA sowie des Kollektivs afrobrasilianischer Frauen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Berlin. Sie sprach über die neue Präsenz von Afrobrasilianerinnen in der Politik und prangerte den offen strukturellen Rassismus ihres Landes an, der unter der aktuellen Regierung deutlicher als zuvor sichtbar wird.
Schwarze Brasilianerinnen kämpfen gegen staatlichen Rassismus

Mônica Francisco in Berlin

Die Regionalpolitikerin aus Rio de Janeiro hat - wie ihre ehemalige Kollegin und Mitstreiterin Marielle Franco - einen anderen Blick auf politische Notwendigkeiten und Ziele als viele ihrer weißen Kolleg*innen. Favela-Aktivismus (Kampf für ein antirassistisches Gemeinwesen) gegen Stigmatisierung und militärische Kontrolle durch die UPPS (sogenannten Befriedungseinheiten der Polizei) sowie die solidarische Ökonomie gehören zu ihren Überzeugungen. Als schwarze Feministin kämpft sie gegen Rassen- und Klassendiskriminierung gleicherweise.

Rassistische Grundhaltungen würden in Brasilien schon in der Werbung sichtbar aber auch im Widerstand gegen den Kampf der meist afrobrasilianischen Hausangestellten für bessere Arbeitsbedingungen. Eine Durchsetzung von grundlegenden Arbeitsrechten hatte zuletzt die Arbeiterpartei vorangetrieben. Dieser Abbau von Privilegien hatte in der überwiegend weißen Mittel-und Oberschicht zu Irritationen geführt.

Die Sicherheitsfrage in Rio de Janeiro stellt sich ihr aus der Innenperspektive anders dar. 40 Besuche in Favelas seien der Untersuchungsgruppe gegen Gewalt vorangegangen, der sie mit Marielle Franco gemeinsam angehört habe. Inzwischen zeigten Ermittlungen, dass es Verbindungen des Staates mit Organen der organisierten Kriminalität und paramilitärischer Milizen gegeben habe, die zur Ermordung Marielle Francos  geführt haben.

Mônica Francisco , eine evangelische Pastorin hat lange ihre politischen Überzeugungen für eine Privatangelegenheit gehalten. Nach dem Mord an ihrer Kollegin Marielle Franco änderte sie ihre Haltung. "Wir afrobrasilianischen Frauen wollen uns nicht mehr von anderen vertreten lassen. Wir müssen selbst Position beziehen und diese in der Öffentlichkeit vertreten. Entscheidungen und Gesetze wollen wir mitbestimmen, denn durch unsere Lebenserfahrung haben wir einen anderen Hintergrund dafür. Der brasilianische Staat schämt sich noch immer für einen Teil seiner Bevölkerung: Schwarz, arm, weiblich. Das äußert sich in einem strukturellen Rassismus. Dagegen müssen wir öffentlich und politisch vorgehen."

Über die Hälfte der Bevölkerung in Brasilien hat afrobrasilianische Wurzeln. 2017 wurden 63.000 schwarze Jugendliche und junge Männer getötet Aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft werden sie häufig als Kriminelle stigmatisiert und leben mit einem 4-fach höheren Risiko, getötet zu werden, in vielen Fällen von der Polizei. Neu sei inzwischen, dass der Rassismus offen hervortrete und vom Diskurs des Präsidenten Jair Bolsonaro befeuert werde.

Mônica Francisco berichtete von 13 Müttern, die Anfang Februar 2019 in zwei Favelas die tödlichen Schüsse der Militärpolizei auf ihrer Söhne miterleben mussten. Präsident Bolsonaros Partei PSL schlug daraufhin vor, Polizisten zu belohnen, die dafür sorgten, dass mit Banditen aufgeräumt werde. Hinter diesen Worten verbirgt sich Straffreiheit für staatliche oder militärische Gewalt statt genauer Untersuchung der Hintergründe. Quasi eine Lizenz zum Töten. Von einem rechtsstaatlichen Verständnis einer funktionierenden Demokratie ist dies weit entfernt!

 

 

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Brasiliens Lebensmittelpolitik: Zwei Schritte nach vorn, drei Schritte zurück.

Die Idee des Guten Essens für Alle könnte brasilianischer Natur sein. Das Land gilt weltweit als Vorreiter in Sachen Ernährungsräte und demokratischer Lebensmittelpolitik. Die jüngsten Ereignisse versetzen das Land aber wieder um Jahrzehnte in die Vergangenheit: lokales und biologisches Essen werden sich künftig nur noch die Wenigsten leisten können.
Brasiliens Lebensmittelpolitik: Zwei Schritte nach vorn, drei Schritte zurück.

Mídia NINJA: Banquetaço Bahia

Ernährungsräte sind kein neues Phänomen. In Brasilen existiert die Idee dazu schon seit 1993, seit 2003 wird sie aktiv umgesetzt: Die ‚Conselho de Segurança Alimentar e Nutricional‘ (CONSEA) - der nationale Ernährungsrat des Landes, der dem Präsidenten als beratende Funktion an der Seite steht, trug seit seiner Wiederbelebung 2003 zu einer Demokratisierung des Ernährungssystems bei und reduzierte zudem das Hungerproblem Brasiliens drastisch. Der Rat besteht dort zu zwei Dritteln aus Zivilgesellschaft und zu einem Drittel aus staatlichen Institutionen. Neben Vertreter*innen indigener Gemeinschaften, religiöser Gruppen und Gewerkschaften sind auch Vertreter*innen von Bauern und Bäuerinnen sowie von Bildungseinrichtungen Teil des Rats, der so mehr zivilgesellschaftliche Mitbestimmung an politischen Entscheidungsprozessen sicherstellt. Eine wichtige Übung in partizipativ-demokratischen Prozessen also, die in jüngster Vergangenheit auch in vielen anderen Teilen der Welt Anwendung findet. Auch in Deutschland gibt es hierzu in einigen Städten lokale Initiativen, die sich für eine Demokratisierung der Lebensmittelpolitik einsetzen. FIAN betont hier mehrere Ebenen: „Auf der einen Seite streben sie eine Relokalisierung der Ernährungssysteme und die Verankerung von Ernährungssouveränität in der lokalen oder regionalen Stadt- oder Gemeindeentwicklungspolitik an. Auf der anderen Seite fördern sie die Herausbildung von ‚Human Rights Cities’.“

Ernährungsrat_Skizze

(Quelle: FIAN Broschüre/ Jakob Kohlbrenner)

Die ersten Ernährungsräte Deutschlands wurden 2015 gegründet, wobei sich hier vor allem in Berlin wichtige Gründungprozesse und Vernetzungen ergaben, die schließlich zum ersten Ernährungsrat in Deutschland führten. Kurz darauf gründete auch die Stadt Köln einen Ernährungsrat, gefolgt von Frankfurt, Dresden und Oldenburg. Mittlerweile entwickelte sich ein regelrechter Ernährungsrat-Boom, denn die demokratischen Entscheidungsprozesse rund um das Thema Nahrung liegen immer mehr Menschen am Herzen. Auch in Freiburg gibt es seit 2018 einen aktiven Ernährungsrat, der zu verschiedenen Themen von Umweltschutz bis Direktvermarktung und Stadt-Land Beziehungen arbeitet.

Brasilien hat solche Prozesse schon lange hinter sich. Der nationale Ernährungsrat wurde schon im Jahr 1993 gegründet, aber kurz danach wieder auf gelöst. Unter der Regierung Lula da Silvas konnte ab 2003 durch die CONSEA die ‚Zero-Fome‘ (Null-Hunger) Strategie des Landes weitestgehend umgesetzt werden. So erscheint das Land seit 2014 nicht mehr auf der ‚FAO Hunger Map‘ und die Umsetzung diverser Sozialprogramme, wie beispielsweise ‚Bolsa Familia‘, führten zu einer stetigen Verbesserung im Kampf gegen die extreme Armut. Landesweit wurde zudem ein Schulmahlzeiten-Programm durchgesetzt, das die Schulen mit lokalen, kleinbäuerlichen und gesunden Erzeugnissen versorgt. So wird nicht nur die kleinbäuerliche Landwirtschaft unterstützt, sondern gleichzeitig auch auf eine gesunde Ernährung im Rahmen des Schulsystems gesetzt. All diese Errungenschaften ergaben sich vor allem durch die Einbindung der Zivilgesellschaft im Rahmen der CONSEA, die mittels ihrer beratenden Funktion viele Diskussionsprozesse in Gang setzten.

Nun schreiben wir aber das Jahr 2019, und in Brasilien sind neue Zeiten angebrochen. Mit dem Amtseintritt von Jair Bolsonaro am 1.1.2019, löste dieser noch am selben Tag die CONSEA auf. Die Folgen der Auflösung sind noch nicht abzusehen, sie werden aber mit Sicherheit fatal sein und jene treffen, die sowieso schon Existenzminimum leben: Indigene, Quilombolas, Kleinbäuer*innen, Landlose. Somit setzte Bolsonaro schon am ersten Tag seiner Amtszeit ein deutliches Zeichen gegen die marginalisierten Bevölkerungsgruppen seines eigenen Landes und gibt wiederum der Agrarlobby und Großkonzernen die Handlungsmacht.

Die Schließung der CONSEA trifft viele in Brasilien wie ein Schock. Nur wenige Bundesabgeordnete sprechen sich offen für eine Rückholung der CONSEA aus. Doch der Widerstand in der Bevölkerung wird von Tag zu Tag größer: am 27.Februar 2019 gab es so landesweit und in über 15 Städten sogenannte „Banquetaços“, also Bankette zur Erhaltung der CONSEA und für eine gesunde Ernährung in ganz Brasilien. Hierbei wurde vor allem über die übermäßige Pestizidbelastung und andere schädliche Substanzen aufmerksam gemacht, sowie für eine Demokratisierung des Lebensmittelzugangs demonstriert. Ohne die CONSEA würde der Ansatz zur Ernährungssicherheit des Landes verloren gehen. Was bleibe sind spärliche und zerstreute Maßnahmen, die keines der Nahrungsmittel- und Ernährungsprobleme nachhaltig verändern werde, schreibt die ‚Articulacao National de Agroecologia’.

Auch weltweit protestieren Menschen gegen die Entscheidung Jair Bolsonaros. So sammelte der FIAN mittlerweile über 35.000 Unterschriften und zeigt somit die internationale Solidarität zu Lebensmittel- und Ernährungsfragen auf. Dennoch: die jüngsten Entwicklungen in Brasilien zeigen die massiven Rückschritte durch den Amtseintritt Bolsonaros bereits in voller Deutlichkeit - die marginalisierten Bevölkerungsgruppen sind dabei die Hauptleidtragenden. Die Tatsache, dass aber schon vor über 25 Jahren die Idee für einen Ernährungsrat in Brasilien entstand, zeigt auch, dass progressive, inklusive und demokratische Konzepte nicht nur aus dem globalen Norden kommen und auch wir dementsprechend von den Ländern des globalen Südens lernen können. Gleichzeitig stehen und fallen diese progressiven Ideen allerdings meist mit der amtierenden Regierung, wie man am Beispiel des Ernährungsrats in Brasilien in aller Deutlichkeit sehen kann. Wir fordern daher internationale Solidarität mit Brasilien im Kampf für Ernährungssouveränität, für gesunde und lokal-produzierte Nahrung, frei von hochgefährlichen Pestiziden und für ein ‚Gutes Essen für Alle‘.

Banquetaco Bahia - Midia Ninja

(Quelle: Midia Ninja)

A comida deve alimentar corpo, mente e alma, não matar, nem por veneno nem por conflito. Deve erradicar a fome e conservar a natureza, promover saúde e a paz entre os povos. Comer é ato político e o que comemos determina o sistema alimentar que fomentamos com nossas escolhas.”, heißt es auf dem Bankett.

("Nahrung muss Körper, Geist und Seele ernähren, nicht töten, weder durch Gift noch durch Konflikte. Sie muss den Hunger ausrotten und die Natur schützen, die Gesundheit und den Frieden zwischen den Völkern fördern. Das Essen ist politisch und was wir essen, bestimmt das Nahrungsmittelsystem, das wir mit unseren Entscheidungen fördern.“)

Links:

FIAN Petition

FIAN Broschüre - Ernährungsräte

Bewegung Articulacao National de Agroecologia

Banquetaços zur Erhaltung der CONSEA

Ernährungsräte Deutschland

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Marielle presente! in Berlin, Frankfurt und Bern

Das Gedenken an Marielle Franco und die Kritik an der Politik Bolsonaros brachte in Berlin, Frankfurt und Bern bei Demonstrationen mehrere hundert Menschen auf die Straße. Sie kritisierten ihre eigenen Regierungen, dem rechtsradikalen Präsidenten nicht mehr Distanz entgegenzubringen.
Marielle presente! in Berlin, Frankfurt und Bern

Marielle presente! Demonstration in Bern

Am 14. März 2018 wurde die Politikerin und Aktivistin Marielle Franco in Rio de Janeiro auf offener Straße ermordet. Aus politischen Gründen. Sie hatte die Polizeigewalt gegen afrobrasilianische Favelabewohner*innen untersucht und sich öffentlich kritisch dazu geäußert.

"Wer hat Marielle umgebracht? Und wer hat den Mord in Auftrag gegeben?" erklang es bei der Demonstration in Bern, bei der Ansprachen und Musik an Marielle erinnerten. Ihr mutiges Eintreten für Menschen- und Minderheitenrechte habe Samen getragen. Viele Afrobrasilianerinnen sehen sich in ihrer Nachfolge. Noch nie haben so viele Afrobrasilianerinnen bei einer Wahl kandidiert wie 2018. Viele von ihnen wurden gewählt. Sie tragen den Kampf gegen Rassismus, gegen Diskriminierung von Homosexuellen und Marginalisierten in die politische Debatte.

Marielle Bern

KoBra dokumentiert einen Auszug aus der Abschlusskundgebung von Bern:

Wir protestieren gegen die menschenverachtende Politik von Jair Bolsonaro und fordern die sofortige Aufklärung der Ermordung von Marielle Franco. Wir verurteilen Rassismus, Homofeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen in Brasilien und überall.

Von der Schweizer Regierung fordern wir:

  • Keine Waffen und keine Munition nach Brasilien! Gemäss Exportstatistik des SECO ist Brasilien der drittgrösste Abnehmer von Schweizer Waffen.
  • Kein Freihandelsabkommen, solange grundlegende Menschenrechte nicht garantiert sind.
  • Schweizer Konzerne, die mit Brasilien Geschäftsbeziehungen unterhalten, sollen stärker in die Pflicht genommen werden. Insbesondere geht es darum zu untersuchen, ob sie von Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung profitieren.
  • Die Schweiz soll sich gegen die Kriminalisierung und Verfolgung sozialer Bewegungen und der politischen Opposition einsetzen.
  • Die Schweiz muss sich dafür einsetzen, dass Menschenrechte, insbesondere der indigenen Bevölkerung, der LGBTIQ-Community, von Favela-BewohnerInnen, Landlosen etc., respektiert werden. Speziell soll sie sich für den Schutz von MenschenrechtsverteidigerInnen in Brasilien einsetzen.
  • Die Schweiz soll sich dafür stark machen, dass die Ermordung von Marielle Franco aufgeklärt und die Täter*innen und Auftraggeber*innen bestraft werden. Ebenfalls müssen die Verbindungen der Familie Bolsonaro zu den für das Verbrechen Verantwortlichen untersucht werden.
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TUPINAMBÁ: Für das Recht auf Leben

Im Februar 2019 brachten die Indigenen der Tupinambá aus der Gemeinde Serra do Padeiro im Süden von Bahia bei den Behörden des Bundes und des Bundesstaates einen bösartigen Plan zur Ermordung indigener Aktivisten zu Anzeige.
TUPINAMBÁ: Für das Recht auf Leben

Cacique Babau

Die Tupinambá stehen dabei in vorderster Front eines kollektiven Kampfes um Territorialrechte. Das Attentat sollte unter dem Vorwand einer Verkehrskontrolle stattfinden, während jener dann in die Fahrzeuge indigener Führer Drogen und Waffen untergeschoben werden sollten, denen dann fälschlicherweise vorgeworfen wurde, diese Gegenstände zu besitzen und zu transportieren.

In einem im Januar 2019 verbreiteten Brief kündigte die Gemeinde an, dass die Aussagen und Regierungsmaßnahmen von Präsident Jair Bolsonaro bereits neue Gewalt gegen die Tupinambá ausgelöst hätten. In diesem Dokument, das den langen Weg des Tupinambá-Volkes erklärt, der durch die Enteignung von Land und anderen Formen der Gewalt gekennzeichnet ist, wurden die Behörden aufgefordert, Vorkehrungen zum Schutz der Gemeinschaft und ihrer Führer zu treffen, und die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft (siehe den Brief - ENGLISH).

Die geplanten Angriffe zielen direkt auf die Anführer der Serra do Padeiro-Gemeinschaft ab und versuchen, den Abschluss der Demarkierung des seit 2004 laufenden Prozesses des indigenen Territoriums Tupinambá de Olivença zu verhindern. Erst wenn dieser Demarkationsprozess endlich zu Ende durchgeführt und abgeschlossen wurde, erst dann wird es ein Ende der Konflikte geben.

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Warnung ignoriert, verschleppt, vom Tisch gewischt

Laut einem neuen australischen Pressebericht wußten die Firmenverantwortlichen bei den Samarco-Miteigentümerinnen Vale und BHP Billiton bereits Ende 2008, dass dem Fundão-Damm ein erhöhtes Bruchrisiko inhärent war.
Warnung ignoriert, verschleppt, vom Tisch gewischt

Verseuchtes Meer bei der Mündung des Rio Doce in den Südatlantik. Foto, mit herzlicher Genehmigung: © Todd Southgate / Greenpeace

Samarco-Dammbruch bei Mariana am 5.Nov.2015: Laut Recherchen der australischen Zeitungen "The Age" und “The Sidney Morning Herald” wussten die Firmenverantwortlichen bei den Samarco-Miteigentümerinnen Vale und BHP Billiton bereits Ende 2008, dass dem Fundão-Damm ein erhöhtes Bruchrisiko inhärent war. Entsprechende Unterlagen von den Vorstandssitzungen der an Samarco beteiligten Firmen in Perth, London, Melbourne, Dubai und in Brasilien aus den entsprechenden Jahren, die nun vor Gericht vorgelegt wurde, deuten darauf hin. Dies geht aus dem Zeitungsbericht des “The Sidney Morning Herald” vom 4. März 2019 hervor.

Am 5. November 2015 brach der Damm des Rückhaltebeckens Fundão nahe der Kleinstadt Mariana im Bundesstaat Minas Gerais in Brasilien. Millionen Kubikmeter an Bergwerksschlamm aus der Eisenerz-Mine der Firma Samarco und ein Tsunami aus Schlamm zerstörte mehrere Dörfer, 349 Häuser, Schulen und Kirchen... Die Flüsse Rio Gualaxo do Norte, Rio do Carmo und Rio Doce wurden verseucht. Insgesamt starben 19 Menschen. Samarco ist eine Aktiengesellschaft, die zu gleichen Teilen im Besitz der australisch-britischen BHP Billiton Brasil Ltda. und der brasilianischen Vale S.A. steht.

Laut Erhebung der US-amerikanischen Beraterfirma Bowker Associates stellt die Katastrophe von Mariana einen Dreifach-Negativ-Rekord in der Geschichte des Bergbaus dar: 1. Die Menge an ausgetretenem Schlamm: 32 bis 62 Millionen Kubikmeter, 2. Die Größe des betroffenen Gebiets: 680 Kilometern Flusslauf, 3. Die Schadenshöhe: 5 bis 55 Milliarden USD.

Bis heute warten die betroffenen Menschen auf den Wiederaufbau ihrer Häuser und Dörfer und auch auf Entschädigung. Die Flüsse Rio Gualaxo do Norte, Rio do Carmo und Rio Doce sind bis heute verseucht, Tausende Kleinfischer/innen sind um ihre Existenz gebracht worde, die Wasserversorgung von über einer Million Menschen entlang des Flusses Rio Doce ist zwar formal wieder hergestellt und das Flusswasser, das zum Trinkwasserverbrauch aus dem nach wie vor verseuchten Flusswasser entnommen wird, wird zwar aufbereitet, doch die Menschen misstrauen dem Wasser. Wer es sich leisten kann (also nur ein Bruchteil der Menschen), trinkt im Supermarkt gekauftes, abgefülltes Flassenwasser.

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Der Fall Volkswagen, Wilson Witzel - und Marielle Franco

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, KoBra - Kooperation Brasilien, Brasilieninitiative Freiburg und die Brasilien Initiative Berlin fordern: Kein Händeschütteln von Volkswagen-Managern mehr mit Politikern, die über die Ermordung der brasilianischen Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco öffentlich johlend und feixend gegrinst haben und der Verunglimpfung dem Andenken Verstorbener massiv und aktiv Vorschub geleistet haben!
Der Fall Volkswagen, Wilson Witzel - und Marielle Franco

VW-Manager Roberto Cortes [rechts im Bild] schüttelt die Hand des Gouverneurs von Rio de Janeiro, Wilson Witzel [auch ziemlich rechts].

50 Jahre nach dem Beginn der direkten Kollaboration von Volkswagen do Brasil mit der brasilianischen Militärdiktatur, in deren Zuge VW-Mitarbeiter erst bespitzelt, dann bei der Folterpolizei DOPS denunziert und dort der Folter ausgeliefert wurden, nun 50 Jahre später betreibt Volkswagen auch heute, im Jahr 2019, ein übles Spiel in Brasilien: Erst benutzte Roberto Cortes, seines Zeichens nach CEO von Volkswagen Caminhões e Ônibus, nach der Wahl des Ex-Hauptmanns Jair Bolsonaro zum Präsidenten Brasiliens, das tumbe "Aber er hat doch die Autobahnen"-Argument, als er erklärte, das letzte Mal, dass der Staat in Brasilien kompetent die Infrastruktur geplant und ausgebaut habe, sei unter den Militärs vor 50 Jahren geschehen, - und nun schüttelt derselbe Roberto Cortes dem neuen Gouverneur von Rio de Janeiro, Wilson Witzel, beim Treffen am 7. März 2019 in den Räumen der DIHK, in Berlin die Hand und verspricht dem Gouverneur von Rio neue, weitreichende Investitionen.

Das Problem dabei: Wilson Witzel will Polizisten, die im Dienst töten, einen Freifahrtschein erteilen; Wilson Witzel begrüßte vor Kurzem die Polizeimassaker im Morro do Fallet und Morro dos Prazeres in Rio, bei dem 15 Favelabewohner von der Polizei erschossen wurden; Wilson Witzel will Sniper auf Favelabewohner schießen lassen; Wilson Witzel will für Rio de Janeiro ein Gefängnis à la Guantanamo; und Wilson Witzel erklärte wiederholt öffentlich, mutmaßliche Kriminelle "abschlachten" zu wollen. Das bewußte gewählte Narrativ "Abschlachten" ("abater", kann auch als "Keulen" übersetzt werden) ist deutlichste LTI-Sprache, die ungeschminkt alle, die als "anders" wahrgenommen werden, erst als "Feind" definiert, dann als "Feind, den es zu vernichten" gelte und diesen letztlich gänzlich zu entmenschlichen trachtet - so als wären diese Menschen Schlachtvieh. Es war dies die wenig sublime Botschaft der LTI-Lingua Tertii Imperii, wie sie von den Nazis propagiert und angewandt wurde. Und dieser Diskurs greift in Brasiliens extrem Rechter seit ein paar Jahren massiv, wie ein Gehirnwäschevirus, um sich.

Und Wilson Witzel ist einer der prominentesten Vertreter dieser Riege an Politikern, deren LTI-Sprache faschistische Politik erst fordert und dann selbst direkt mitbefördert.

Wilson Witzel ist zudem jener Politiker, der wenige Tage vor den Gouverneurswahlen 2018 in Rio de Janeiro auf einer Wahlkampfkundgebung neben zwei Kandidaten seiner Partei auf der Bühne stand, als einer beiden unter lautem Gejohle das Gedächtnis-Straßenschild von Marielle Franco, das an die Ermordung der Stadtverordneten Franco am 14. März 2018 erinnerte und gemahnen sollte, demonstrativ zerrissen hat - und Wilson Witzel stand daneben und applaudierte und feixte.

Wie kann ein hochrangiger Volkswagen-Manager wie Roberto Cortes erfreut lächelnd einem solchen Politiker die Hand schütteln? Wie kann Volkswagen einen solchen Manager wie Roberto Cortes weiter beschäftigen? Dabei ist es keine Frage, ob Wilson Witzel demokratisch gewählt wurde, es ist für die Volkswagen AG eine Frage des minimalsten humanistischen Standpunktes, den eine Firma wie VW in dieser Welt einnehmen will - oder ob die Firma eben über die letzten Reste von Anstand und Respekt hinwegsehen will und dem Gedenken Verstorbener - wie in diesem Fall dem Gedenken an Marielle Franco, linker, schwarzer, lesbischer, aus der Favela stammender Menschenrechtsaktivistin und Stadträtin - Hohn und Spott zuteil lassen will. Volkswagen muss sich entscheiden. Am 14. März 2019 jährt sich die brutale Ermordung Marielle Francos zum ersten Mal, noch immer wurden weder die Täter noch die eigentlichen Hintermänner, die bis in höchste Politiketagen zu reichen scheinen, verhaftet.

Es bleibt die Frage: Dürfen VW-Manager weiter Politikern wie Wilson Witzel fröhlich-selig die Hände schütteln, Politikern, die lachend dabeistehen, wenn das Gedenken an eine brutalst hingerichtete Menschenrechtsaktivistin zerrissen und mit den Füßen getreten wird, dürfen VW-Manager dies weiter mit Deckung durch das oberste VW-Management in Wolfsburg tun? Oder wird VW hier endlich disziplinarische Konsequenzen ziehen und Roberto Cortes entlassen? VW muss sich entscheiden, wo es steht: erneut im Sumpf, wie vor genau 50 Jahren, während der bleiernen Jahre der brasilianischen Militärdiktatur - oder eben endlich auf Seiten von Anstand und gegenseitigem Respekt. Das ist hier die Frage, die die Führungsetage der Volkswagen AG umgehend zu beantworten hat.

Christian Russau
Vorstandsmitglied Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Köln/Berlin, 8.3.2019

Günther Schulz
Brasilieninitiative Freiburg, Freiburg, 8.3.2019

Artikelaktionen

Auf die Straße für Frauen- und Minderheitenrechte

„Am 8. März wird es zu einem landesweiten Aufschrei der Frauen gegen die Regierung von Präsident Bolsonaro kommen“, prognostizieren die Kolleg*innen von SOS Corpo, dem feministischen Institut für Demokratiefragen mit Sitz in Recife. Große Kundgebungen und Demonstrationen für Rio de Janeiro, São Paulo, Recife, Fortaleza, Brasilia und Porto Alegre sind angekündigt. Bolsonaro sei ein Erbe des 2016 vollzogenen Putsches gegen Dilma Rousseff, der bereits frauenfeindlich motiviert gewesen sei und aufs Übelste eine Machtdemonstration der weißen und männlichen Regierungselite in die Öffentlichkeit spülte. Die Frauen werfen Bolsonaro vor, nur über Manipulation und illegalen Zugang zu privaten Whatsapp-Konten an die Wähler*innen und die Macht gelangt zu sein und nun den Sozialstaat und die Demokratie auszuhöhlen.
Auf die Straße für Frauen- und Minderheitenrechte

Frauenkampf am 8. März Quelle: SOS Corpo

Viele brasilianische Partnerorganisationen berichten von neuen Sicherheitsvorkehrungen, um sich zu schützen. Kommunikationskanäle müssen neu abgesichert werden, bei öffentlichen Kundgebungen wird mit Gewalt und Übergriffen gerechnet. Nicht jede*r will noch laut Kritik oder seine Meinung äußern. Drohungen und offene Gewalt führen zu einer neuen Angst unter linken Aktivist*innen, die für Frauen- und Minderheitenrechte einstehen. Einige wie der linke Parlamentsabgeordnete Jean Wyllis oder die Wissenschaftlerin Maria Clara Dias entscheiden sich sogar, das Land zu verlassen, um dem permanenten Druck von Beschimpfungen, Rufmord und Morddrohungen zu entgehen.

Am 14. März 2019, fast zeitgleich mit dem Internationalen Frauentag jährt sich die Ermordung der linken Stadträtin Marielle Franco in Rio de Janeiro. Ihr Mord hat sich ins kollektive Gedächtnis der sozialen Bewegungen eingebrannt, weil Marielle für vieles stand und kämpfte, was ihren Nachfolger*innen bis heute wichtig ist. Der Kampf der Politikerin um Rechte sowie gegen Rassismus und Polizeigewalt provozierte die Mächtigen. Marielle wurde von paramilitärischen Milizen hingerichtet, ohne dass das Verbrechen aufgeklärt oder die Täter zur Rechenschaft gezogen worden wären. Die mutmaßlichen Täter weisen zudem Verbindungen zu Flavio Bolsonaro, dem Sohn des Präsidenten auf.

Gewalt gegen Frauen und Minderheiten ist in Brasilien auf dem Vormarsch. In den ersten sechs Wochen des Jahres 2019 wurden in 188 Städten 151 Morde an Frauen verübt. Die Opfer sind in der Mehrzahl Afrobrasilianerinnen.

Auch im deutschsprachigen Raum wird es Demonstrationen, Gedenkfeiern für Marielle und Proteste gegen Bolsonaros Politik geben. In Berlin und Bern und in vielen anderen Städten. (siehe Termine)

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Der Schmetterlingseffekt der globalen Lebensmittelindustrie

Die Ausbreitung der imperialen Lebensweise betrifft uns Alle, auch wenn sie nicht für jeden spürbar ist. Eine Analyse der Ursachen und Wirkungen am Beispiel der weltweiten Soja-Produktion.
Der Schmetterlingseffekt der globalen Lebensmittelindustrie

Soja, Midia NINJA

Beim Blick auf den Mittagsteller des Durchschnittsbürgers in Deutschland, darf das Stück Fleisch nicht fehlen. Was dieses Stück Fleisch aber mit der Vertreibung Indigener in Brasilien zu tun hat, ist nur den Wenigsten bewusst. Doch wenn man sich die Handelsketten der Lebensmittelproduktion etwas genauer ansieht, wird schnell klar, dass auch ihr eine imperiale Lebensweise innewohnt.

Sieht man sich beispielsweise die weltweite Produktion von Soja an, steht Brasilien mit den USA an der Spitze. Das Land entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem der größten Soja-Exporteure weltweit, der Großteil davon landet in China, ein beachtlicher Teil aber auch in der EU. So importiert die EU jährlich knapp 33 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaschrot aus Nord- und Südamerika – insgesamt also 64 Kilogramm für jeden EU-Bürger. Und indirekt landet dieses Soja tatsächlich in unserem Magen: Hierzulande werden die Soja-Importe zu einem großen Teil als eiweißreiche Futterpflanzen für die großen Nutztierbestände, für Schweine, Geflügel und Rinder, verwendet. Die jährlich größer werdende Nachfrage nach Fleischprodukten, führt so auch in Brasilien zu einer erhöhten Soja-Produktion. Dort wird nahezu die gesamte Produktionssteigerung von Soja seit Jahrzehnten durch die Rodung des Regenwaldes oer der Savanne und damit auch die Verdrängung kleinbäuerlicher, indigener oder quilombola Gemeinschaften, erzielt.

OVID

Abbildung: OVID 2016

Pestizidgeschäfte im globalen Süden? – Bayer machts vor!

Ein weiteres Problem ist aber nicht nur die stetige Ausbreitung der Agrarkonzerne durch eine imperiale Lebensweise, sondern auch der rigorose Einsatz gefährlicher Agrargifte und oft damit einhergehendes gentechnisch-manipuliertes Saatgut. Berühmtestes Beispiel ist hier der Konzern Monsanto, der erst im letzten Jahr vom deutschen Unternehmen Bayer übernommen wurde. Neben Corteva Agriscience (ehemals Dow und DuPont) und ChemChina/Syngenta, ist Bayer nun endgültig am Zenit des Saatgutmarktes und Pestizidgeschäftes angekommen. Der nun größte Agrochemie-Konzern der Welt erwirtschaftet so einen jährlichen Umsatz von 22,5 Milliarden Euro. Im globalen Süden hat das soziale, ökologische und menschenrechtliche Auswirkungen – auch hier wird die imperiale Lebensweise sichtbar. So verkauft der Konzern beispielsweise in Brasilien Produkte, die in der EU längst verbotene Wirkstoffe enthalten, darunter Carbendazim, Cyclanilid, Ethiprole, Ethoxysulfuron, Ioxynil und Thiodicarb. Der Bayer-Konzern hat also offensichtlich keine ethischen Bedenken dabei, außerhalb von Europa die Gesundheit von Bauern und Bäuerinnen sowie Landarbeiter*innen und der lokalen Bevölkerung durch den Einsatz und die Herstellung seiner Produkte zu gefährden.

„Die enorme Dunkelziffer an Pestizidvergiftungen in Brasilien ist unmittelbar mit einem zentralen Geschäftsfeld des fusionierten Pestizidgiganten verbunden. Schon heute ist Brasilien das Land mit dem größten Pestizideinsatz weltweit. 20 Prozent aller weltweit ausgebrachten Pestizide landen auf brasilianischen Äckern. Mit der Übernahme von Monsanto wird Bayer auch in Brasilien mit einem Marktanteil von 23 Prozent zum wichtigsten Pestizidhersteller“, schreibt die Kampagne Meine Landwirtschaft.

Natürlich ist im Hinblick auf den massiven Einsatz von Agrargiften und gentechnisch manipuliertem Saatgut, der Umstieg auf Bio-Fleisch ein Schritt in die richtige Richtung.Vor allem im Blick auf Brasilien wird dies deutlich: denn über 95% des dort produziertes Sojas sind gentechnisch manipuliert. Durch den Kauf von biologischen Fleischprodukten unterstützt man nicht nur eine umweltschonendere Landwirtschaft, sondern reduziert somit auch die Wahrscheinlichkeit die Abholzung des Regenwaldes und damit einhergehende Landkonflikte in Brasilien indirekt mit zu verursachen.

Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique

Abbildung: Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique

Können wir aus Fehlern lernen? – die neue GAP Reform 2020

Auch die derzeitigen Verhandlungen rund um die gemeinsame europäische Agrarpolitik (GAP), die ab 2021 in Kraft treten soll und in der auch ökologische Themen nicht zu kurz kommen sollen, fordern immer mehr Menschen den Einbezug der globalen Perspektive. Denn auch die GAP ist mitverantwortlich für die weltweite Sojaexpansion und damit einhergehenden Probleme in den Erzeugerländern. Die derzeitige Agrarpolitik bietet einfach keine Anreize für eine vielseitige landwirtschaftliche Pflanzen- und Tierproduktion, wodurch eine zunehmende Intensivierung und Spezialisierung zu beobachten ist. Die EU begünstigt den Sojahandel weiterhin, indem sie auf importiertes Futtersoja keine Zölle erhebt. Der BUND betont: „Damit bleibt die Nachfrage innerhalb der EU langfristig hoch, während die Auswirkungen agrarindustrieller Sojaplantagen auf Umwelt sowie Bürger- und Menschenrechte unter den Tisch gekehrt werden.“

Derzeit verteilt die EU jährlich rund 60 Milliarden Euro an die Landwirtschaft, der Großteil geht an Großgrundbesitzer*innen. Pro Hektar gibt es ca. 300 Euro, unabhängig davon, ob dort zukunftsfähig gewirtschaftet wird. Sinnvoller wäre es das Geld zu nutzen, um tatsächlich zukunftsfähige Betriebe zu belohnen. Den Weg in die Zukunft weisen jene Bäuerinnen und Bauern, die ihre Tiere gut halten, den ländlichen Raum lebendig machen und dabei mithelfen Umwelt und Klima zu schützen. Dies sollte auch der Leitsatz der neuen und zukunftsfähigen GAP ab 2020 sein.

Neben der GAP, gibt es aber derzeit auch Pläne für einen neuen Freihandels-Vertrag zwischen der EU und den Mercosur Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Venezuela), der die Exportorientierung dieser Länder weiter stärker würde. Der Regierung Bolsonaros würde dieser Vertrag in die Hände spielen und die Abholzung des Regenwaldes weiter vorantreiben. Die Position der EU scheint hier vor allem von wirtschaftlichen Interessen geprägt und beruft sich auf eine wertebasierte Handelsagenda der Europäischen Kommission. Dennoch: die Lage für die Bauern und Bäuerinnen vor Ort bleibt angespannt…

Kleinbäuer*innen sind global gesehen am Produktivsten.

Im Gegensatz zu den ständigen Behauptungen aus der Agrarlobby, dass ein Ausbau im Sinne einer technologisierten, Pestizidintensiven und eine auf genmanipuliertem Saatgut basierende Landwirtschaft gerade auch im globalen Süden wichtig sei, um den Welthunger zu bekämpfen, zeigt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass die kleinbäuerliche Landwirtschaft sehr produktiv ist. So stellen in Brasilien kleinbäuerliche Betriebe im Schnitt 40% der Produktionen einiger Hauptanbauprodukte bereit und dies auf weniger als 25% der Ackerfläche. In anderen Ländern sind die Zahlen sogar noch eindeutiger. Insgesamt zeigt sich also, dass es keinen Anstieg der Lebensmittelproduktion braucht, um Hunger zu bekämpfen. Denn Hunger hängt nicht mit dem weltweiten Angebot an Nahrungsmitteln zusammen, „sondern mit Armut, Demokratiedefiziten und ungleich verteiltem Zugang zu Land, Wasser, Kapital sowie anderen Infrastrukturen und Ressourcen“, erläutert der BUND.

Auch wenn es schwer vorstellbar bleibt, wie das Stück Fleisch am Mittagsteller mit der Vertreibung der Indigenen Brasiliens zu tun hat, so ist es doch die Verantwortung von uns Allen und vor allem jener, die von der derzeitigen imperialen Lebensweise profitieren, beim nächsten Mal etwas genauer hinzusehen. Denn die Nahrungsmittelproduktion ist mittlerweile Teil eines global vernetzen Warensystems, dessen Ursache und Wirkung oft Tausenden Kilometer auseinanderliegen – ein Schmetterlingseffekt par excellence!

Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique

Abbildung: Fleischatlas 2018 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique

Links:

 

Am Samstag, dem 18.Mai 2019 findet der ‚March against Monsanto + Syngenta‘ in Basel statt. Infos hier: http://www.marchagainstsyngenta.ch/index.php/de/

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