Sie sind hier: Startseite Themen Unsere Themen
Artikelaktionen

Unsere Themen

Die Schwerpunkte unserer Arbeit greifen die zentralen Themen und Konflikte der sozialen Bewegungen in Brasilien auf: Landkonflikte, Menschenrechte, Minderheitenrechte, ökologische Zerstörung, Urbanisierung, ökonomische Alternativen, soziale Gerechtigkeit oder auch die 2014 und 2016 bevorstehenden sportlichen Megaevents und deren Auswirkungen.

Neueste Artikel aus allen Bereichen

Artikelaktionen

Ein langer Weg zu Recht und Gerechtigkeit

Vor knapp einem Jahr wurden in Pau D´Árco im brasilianischen Bundesstaat Pará zehn Kleinbäuerinnen und -bauern von Polizisten erschossen. Nun begann in der Kleinstadt Redenção der Prozess. Ein Bericht direkt aus dem Gerichtssaal.
Ein langer Weg zu Recht und Gerechtigkeit

Gerichtssaal in Redenção, Pará (Foto: Thomas Bauer)

Von Thomas Bauer (Pirama - Nachdenkzeit)

Ein spärlich eingerichteter Gerichtssaal, in Redenção im brasilianischen Bundesstaat Pará. Hier finden während drei Wochen die Anhörungen der Überlebenden, Zeugen und Angeklagten des Massakers von Pau D´Árco statt, bei dem am 24. Mai vergangenen Jahres zehn Kleinbäuer*innen von Polizisten erschossen wurden. Direkt mir gegenüber sitzen 17 Polizisten der Militär- (Polícia Militar) und Zivilpolizei (Polícia Civil), angeklagt der Exekution der zehn Bauern am 24. Mai letzten Jahres, die die Fazenda Santa Lúcia besetzt hatten.

Zwei der am Tag anwesenden Polizisten, der Delegado (Kommissar) Valdivino da Silva Junior und der Investigador Raimundo Nonato de Oliveira Lopes des Komissariats für Agrarkonflikte (DECA – Delegacia de Conflitos Agrários), haben sich gleich nach dem Massaker bereiterklärt, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Beide sitzen getrennt von den restlichen 15 Polizisten, vermummt und mit dunklen Sonnenbrillen im Saal. Sie befinden sich seit ihren ersten Aussagen im Zeugenschutzprogramm, da sie um ihr Leben fürchten müssen.

Sie sind die einzigen, die seit September auf freiem Fuss sind. Die anderen sind in Haft. Aber nicht in einem der Gefängnisse, in die normale Bürger*innen unter meist unwürdigen und menschenverachtenden Umständen verbracht werden. Nein, diese Polizisten befinden sich in Zellen in einem der Militärpolizei für solche Zwecke vorbehaltenen Bereich der Polizeikaserne. Laut dem zuständigen Staatsanwalt Leonardo Lima Caldas lebt es sich dort nicht so schlecht: „Sie leben, als wären sie zu Hause. Nur ein Wächter beobachtet den Eingang der Polizeikaserne. Es gibt keine Kontrollen ihrer Zellen.“

Während der für insgesamt drei Wochen angesetzten Verhandlungen werden sie täglich mit einem Kleinbus von der Polizeikaserne zum Gerichtsaal geführt. Die Eskorte wird dabei von ihren eigenen Kollegen der Militärpolizei übernommen. Die zwei Polizisten, die sich zur Aussage und Zusammenarbeit mit dem Gericht entschieden haben, werden getrennt von den anderen, durch die Staatspolizei (Policia Federal) Tag und Nacht bewacht und zum Gerichtssaal transportiert.

Trotz der anstehenden Aussagen der Angeklagten ist die Stimmung im Gerichtssaal des Richters, seiner Mitarbeiter*innen, der zwölf Rechtsanwält*innen der Angeklagten, der drei Staatsanwälte sowie unterstützenden Anwälten der CPT (=Landpastoralkommision), die die überlebenden Bauern und Hinterbliebene vertreten, vergleichsweise locker. Während der Pausen bleibt sogar Zeit für eine Verlosung eines Buches mit Gedichten, verfasst von einem der Anwälte der Verteidigung, der die Verlosung gleich selbst übernimmt.

Die Aussagen der Überlebenden des Massakers der letzten Tage sind identisch. Am 24. Mai befanden sich die 25 Bäuerinnen und Bauern auf dem Gelände der Fazenda Santa Lúcia, als sich die Streifenwagen näherten. Eigentlich sollten an diesem Tag, wie Valdivino unter Tränen während seiner Aussage neuerlich betont, nur die vierzehn Strafmandate übergeben und einige der Bauern verhaftet werden. Ihnen war vorgeworfen worfen, Teil einer kriminellen Gruppe zu sein, die die Fazendas besetzen und anschließend, nach der Enteignung, die Gebiete weiterverkaufen. Doch dann kam alles anders.

Die Bäuerinnen und Bauern selbst, als sie die Streifenwagen erblicken, räumen ihr Zeltlager und versuchen, sich durch das dicke Gebüsch davon zu machen. Es regnet stark, und sie nehmen nur das Notwendigste mit. Gemeinsam suchen sie eine ihnen bekannte kleine Lichtung auf, um dort unter einer Plastikplane schutzsuchend abzuwarten. Jane Júlia, die einzige Frau, die während des Massakers ums Leben gekommen ist, versucht laut dem Bericht der Überlebenden die Gruppe zu beruhigen: „Seid still, die Polizei wird uns hier nicht suchen. Es regnet zu stark und es ist schwierig für sie, diese Lichtung im Dickicht zu finden.”

Diese Aussage deckt sich mit der Vorgehensweise der Polizisten der DECA. Denn Valdivino und Raimundo Nonato betonten mehrmals, dass es ihre Aufgabe war, bei dem Konflikt zwischen den Fronten zu vermitteln, allerdings nie die Bauern aufzustöbern, oder sie durch das Gebüsch zu verfolgen. Dafür war ihre Einsatzgruppe auch viel zu klein und in diesem konkreten Fall wussten sie anhand der eingeleiteten Abhörung der Handys, dass die Bauern Waffen bei sich trugen.

Beide rechneten aber nicht damit, das bei ihrer Ankunft vor Ort der verantwortliche Coronel der Militärpolizei, während einer kurzen Besprechung die Trennung der Truppen anordnete. Laut seiner Aussage wollte er mit seinen Leuten der frischen Spur durch das Gestrüpp folgen, während die anderen in beide Richtungen ausfahren sollten, um die Bauern zu suchen.

Dies entsprach zwar nicht, wie während der Zeugenaussagen von verschiedenen Seiten bestätigt wurde, der üblichen Vorgehensweise, wurde aber in diesem Moment von Valdivino, verantwortlich für die Operation, nicht in Frage gestellt. Während er selbst mit seiner Truppe und Streifenwagen in eine Richtung steuert, erkundet eine andere Truppe die entgegengesetzte Richtung. Der Coronel und seine Truppe dringen zu Fuß in das Gebüsch ein.

In weiterer Folge geht alles, den Überlebenden zu folgen, sehr schnell. Als die Polizisten die Bauern entdecken, eröffnen sie sofort das Feuer. Ihnen bleibt keine Zeit, um an ihre Waffen zu kommen. Dies beweisen auch die Obduktionsberichte. Bei den Opfern werden keine Schießpulverrückstände auf ihren Händen gefunden. In einigen Fällen wurden die Schüsse von oben nach unten oder aus sehr naher Distanz abgefeuert. Bei einigen Körpern der ermordeten Bauern wurden zusätzlich zu den Kugeln Brüche und Verletzungen festgestellt.

Eine regelrechte Exekution und keinesfalls ein bewaffneter Zusammenstoß, wie es der für die Anklage zuständige Staatsanwalt Leonardo Lima Caldas im Interview erklärt: „Einige der Bauern sind noch an Ort und Stelle verstorben, andere haben in ihrer Verzweiflung das Weite gesucht und konnten sich verstecken.” Während dieses Zeitpunkts erreicht Valdivino und seine Streife ein Notruf. Es soll zu einem Zusammenstoß gekommen sein, die dort anwesenden Polizisten fordern Unterstützung an.

Valdivino und seine Truppe begeben sich sofort zum beschriebenen Ort. Ein Bild des Grauens, das sich ihnen da bietet. Valdivinos erster Blick fällt auf den bereits leblosen Körper von Jane Júlia mitten im Gras. Neben ihr liegen drei weitere Körper, laut seiner Aussage, zu diesem Zeitpunkt noch am Leben. Sofort wird er zur Seite gerufen: „Wir müssen zusammenhalten. Hier gibt es nur eine Geschichte. Die des Zusammenstoßes”, raunt ihm ein Polizist zu.

In weiterer Folge kommt es zu weiteren Schüssen. Raimundo Nonato, der gemeinsam mit Valdivino vor Ort ist, feuert aus seiner Waffe mehrere Schüsse auf die am Boden verstreuten Körper der Bauern ab. Wie er im Verhör gesteht: „Ich habe die Schüsse aus Angst abgefeuert. Es war zu unserem Schutz. Ich hatte Angst, dass sie (die Militärpolizisten) uns an Ort und Stelle töten würden, wenn wir ihre Geschichte nicht akzeptierten. Sie waren in Überzahl.”

Anschließend wurden die zehn leblosen, sowie schwer verletzten Körper auf die Streifenwagen verteilt und in die naheliegende Stadt Redenção gebracht. Die bereits schwer verletzten Bauern dürften dabei während der holprigen Fahrt gestorben sein. Laut den Anhörungen zu Folge, wurde von Seiten der Polizei nichts unternommen, um das Personal im Krankenhaus auf dem Weg vorab zu informieren. Dies würde auch erklären, warum die Streifenwagen direkt vor dem Obduktionssaal und nicht vor dem Eingang der Notfallaufnahme geparkt wurden.

Der Großteil der 15 angeklagten Polizisten hüllt sich während ihrer Anhörung in Schweigen. Die wenigen von ihnen, die die Fragen des Richter, der anwesenden Staatsanwälte sowie der Rechtsanwälte beantworteten, gaben an, nicht am Ort des Massakers gewesen zu sein. Laut Batista Afonso, Rechtsanwalt der Landpastorale CPT gewährt die brasilianische Verfassung den Angeklagten das Recht zum Schweigen.

Dieses Schweigen weckt böse Erinnerungen. Erinnerungen an das Massaker von Eldorado dos Carajás, wo an jenem verhängnisvollen 17. April 1996 19 Kleinbäuerinnen und -bauern regelrecht hingerichtet wurden. Damals, beim Gerichtsprozess schwiegen die angeklagten Militärpolizisten, so dass eine Verurteilung der Schuldigen schwieriger wird, weil es sehr schwer ist, genau die jeweils individuelle Art und und das Ausmaß der jeweiligen Tatbeteiligung gerichtlich festzustellen. Anders also als bei dem damaligen Prozess gegen die 153 für das Massaker von Eldorado dos Carajás verantwortlichen Polizisten, ist es in diesem Fall des Massakers von Pau D´Árco dann den zwei Polizisten, die sich als Kronzeugen zur Verfügung gestellt haben, zu verdanken, dass die Anzeigen gegen die Täter individualisiert werden konnten, da sie als einzige in der Lage sind, die direkt involvierten Polizisten zu identifizieren.

Parallel zu den Anhörungen laufen derzeit weitere polizeiliche Ermittlungen durch die Bundespolizei, die Hinweisen nachgehen, die darauf deuten, dass Fazendeiros der Region die Tat finanziell unterstützt haben könnten. Falls dies zutrifft kann in den nächsten Wochen mit weiteren Verhaftungen der Hintermänner dieses furchtbaren Massakers gerechnet werden.

Was das endgültige Urteil zum Massakers von Pau D´Árco betrifft, ist es allerdings noch ein weiter Weg. „Wir können sagen, dass sich der Prozess noch ganz am Anfang befindet. Die erste Phase widmet sich der Vorladung der Überlebenden, der Zeugen und Angeklagten und dieser ist nun zu Ende. Nun liegt es am Richter zu entscheiden, ob die Angeklagten vor ein Schöffengericht gestellt werden”, erläutert der zuständige Staatsanwalt Leonardo Lima Caldas. Doch in diesem Fall gibt es zuvor noch mehrere Möglichkeiten, die sich den Rechtsanwält*innen der Verteidigung bieten, auf verschiedenen Ebenen Einspruch zu erheben. Der Prozess selbst sowie die endgültige Entscheidung und mögliche Verurteilung, wird sich somit noch über Jahre hinziehen. Ein langer Weg zu Recht und Gerechtigkeit.

Artikelaktionen

VW do Brasil und die Frage der Beihilfe zur Folter

Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre reicht zur Jahreshauptversammlung des Volkswagen-Konzerns am 3. Mai 2018 in Berlin einen Gegenantrag ein, der dem Aufsichtsrat schwere Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Kollaboration mit der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) vorwirft. Nicht-Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat gefordert.
VW do Brasil und die Frage der Beihilfe zur Folter

Solche Dokumente belasten VW do Brasil schwer. Foto: christian russau

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre aus Köln hat einen Gegenantrag zur Jahreshauptversammlung des Volkswagen-Konzerns am 3. Mai 2018 in Berlin eingereicht. Darin werfen die kritischen Aktivist*innen u.a. dem VW-Aufsichtsrat vor, er habe es versäumt, den Vorstand anzuweisen, mit Nachdruck historische Verantwortung für die Kollaboration von VW do Brasil mit der brasilianischen Militärdiktatur zu übernehmen. Nach Erscheinen der Studie des Historikers Christopher Kopper zur Verstrickung von Volkswagen do Brasil in die Gräueltaten der Militärdiktatur hätte der Konzern auf die betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter zugehen, öffentlich um Entschuldigung  bitten und angemessene Entschädigungszahlungen anbieten müssen, fordert der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

Hier der Ausschnitt aus dem Gegenantrag, der sich mit der Frage der Kollaboration von VW do Brasil mit der brasilianischen Militärdiktatur beschäftigt:

"Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Kollaboration mit der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985)

Eine besondere Rüge verdient der Aufsichtsrat, da er es versäumt hat, den Vorstand anzuweisen, mit Nachdruck historische Verantwortung für die Kollaboration von VW do Brasil mit der brasilianischen Militärdiktatur zu übernehmen. Nach Erscheinen der Studie des Historikers Christopher Kopper zur Verstrickung von Volkswagen do Brasil in die Gräueltaten der Militärdiktatur hätte der Konzern auf die betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter zugehen, öffentlich um Entschuldigung bitten und angemessene Entschädigungszahlungen anbieten müssen.

VW hat im Dezember 2017 den Bericht des Historikers Christopher Kopper zur Verstrickung von VW do Brasil in die brasilianische Militärdiktatur veröffentlicht. VW räumte in der Pressemitteilung dazu ein, dass es „eine Zusammenarbeit zwischen einzelnen Mitgliedern des Werkschutzes von Volkswagen do Brasil und der Politischen Polizei (DOPS) des früheren Militärregimes“ gegeben habe, dass aber andererseits „jedoch keine klaren Beweise gefunden w[u]rden, dass die Zusammenarbeit auf einem institutionellen Handeln seitens des Unternehmens basiert“. Diese Einzeltäterthese trifft aber nach Quellenlage sowie den Untersuchungen von Christopher Kopper als auch der im Auftrag der brasilianischen Staatsanwaltschaft erstellten Untersuchung von Guaracy Mingardi zufolge nicht zu: Laut dem Kopper-Bericht erfolgte die Informationsweitergabe über potenzielle Oppositionelle seitens des VW-Werkschutzes „mit dem stillschweigenden Wissen des Vorstands“.

Wenn also der Vorstand von VW do Brasil über die Zusammenarbeit mit den Schergen des Folterregimes Bescheid wusste, und damals, wie Christopher Kopper schreibt, „der Einsatz von Folter durch die politische Polizei bereits in der brasilianischen und in der deutschen Öffentlichkeit bekannt war“, dann hat der damalige Vorstand von VW do Brasil wissentlich und billigend in Kauf genommen, dass sein ihm weisungsgebunden unterstellter Werkschutz Menschen der Folter ausgeliefert hat. Wann, wenn nicht in diesem Fall, sollte von Beihilfe zur Folter gesprochen werden?

Die Süddeutsche Zeitung (16.2.1973) zitierte den damaligen VW do Brasil-Chef, Werner Paul Schmidt: „Sicher foltern Polizei und Militär Gefangene, um wichtige Informationen zu erlangen, sicher wird beim Politisch-Subversiven oft gar kein Gerichtsverfahren mehr gemacht, sondern gleich geschossen, aber eine objektive Berichterstattung müßte jedesmal dazufügen, daß es ohne Härte eben nicht vorwärtsgeht. Und es geht vorwärts.“ Dem VW do Brasil-Vorstand war also durchaus vollumfänglich bekannt, dass Brasiliens Regime foltern und morden ließ. Er wusste, was mit den Menschen passierte, nachdem VW do Brasil Informationen über diese Personen an das Folterregime weitergab. Der Mingardi-Bericht hat zudem herausgefunden, dass Informationen an die brasilianischen Geheimdienste vor der Freigabe über den Schreibtisch des VW do Brasil-Chefs Wolfgang Sauer gingen. Wie das nicht als vorsätzliche und wissentliche Beihilfe zur Folter gewertet werden kann und VW weiterhin von einer Einzeltäterthese ausgeht, erschließt sich uns Kritischen Aktionärinnen und Aktionären nicht."

Artikelaktionen

Wer hat Marielle Franco und Anderson Gomes ermordet?

Regina Reinart von MISEREOR berichtet aus Rio de Janeiro von einer außergewöhnlichen Gedenkfeier und Protestaktion zu Ehren der vor einem Monat ermordeten Stadträtin Marielle Franco und ihrem Fahrer Anderson Gomes.
Wer hat Marielle Franco und Anderson Gomes ermordet?

Wer ließ Marielle ermorden? Foto: Regina Reinart

Von den MISEREOR-Partnern in Rio de Janeiro erfuhr ich, dass sie und viele andere sich am Samstagmorgen zum Sonnenaufgang an wichtigen öffentlichen Plätzen der Metropole treffen und Marielle und Anderson gedenken wollen. Niemandem im Land muss erklärt werden, wer die beiden waren. Alle wissen nun, wofür die ausdrucksstarke Menschen- und Frauenrechtlerin stand und wer der ebenso politisch engagierte, junge Vater und Ehemann war. In ganz Brasilien wurde ihrer heute im Rahmen von Gedenkfeiern, Protestmärschen und politischen Debatten gedacht.

Menschenrechtsverletzungen sichtbar machen

Mitten in Rio – am Largo do Machado – treffe ich auf ein kleine, aber sehr bedeutungsvolle Menschengruppe: Anielle Franco – die Schwester von Marielle, Guilherme Boulos – der Präsidentschaftskandidat der Sozialistischen Partei (PSOL), den bundesstaatlichen Abgeordneten Marcelo Freixo (PSOL) sowie enge Vertraute von Marielle – Tarcísio Motta (PSOL) und Talíria Petrone (PSOL), Stadträtin von Niterói. Ihr Aufruf ist deutlich: Die Ziele von Marielle gilt es weiterzuverfolgen. Es geht um die Rechteverteidigung der Ausgegrenzten und um das Sichtbarmachen der Menschenrechtsverletzungen, insbesondere in den Favelas im Großraum Rio. Franco, Boulos, Freixo, Motta und Petrone – sie alle geben Interviews, sprechen miteinander, schweigen, weinen und sind sich gegenseitig Stütze. Sie alle wollen nur eins: „Marielle vive! Anderson vive!“

Weiterlesen auf dem Blog von Misereor

Artikelaktionen

Protestaktion vor der brasilianischen Botschaft

Zivilgesellschaftliches Bündnis fordert Stärkung kleinbäuerlicher Rechte und Ende der Kriminalisierung der sozialen Bewegungen in Brasilien
Protestaktion vor der brasilianischen Botschaft

Protestaktion mit MST Beteiligung

Ein zivilgesellschaftliches Bündnis aus Bauernorganisationen, entwicklungspolitischen und Menschenrechtsorganisationen hat auf einer Kundgebung und Mahnwache zum internationalen Tag des kleinbäuerlichen Widerstands am 17. April 2018 vor der brasilianischen Botschaft in Berlin protestiert. Mit Transparenten, Großpuppen und in Redebeiträgen forderte das Bündnis gemeinsam mit zwei Delegierten der brasilianischen Landlosenbewegung MST die Stärkung kleinbäuerlicher Rechte weltweit und das Ende der Kriminalisierung sozialer Bewegungen in Brasilien.

„Insbesondere im globalen Süden werden den in der Landwirtschaft tätigen Menschen in wachsendem Umfang wichtige Lebensgrundlagen entzogen und ihre Rechte vielmals bedroht. Der aktuelle internationale Rechtsrahmen reicht nicht aus, um Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu schützen. Um ihre Rechte zu stärken, setzen wir uns für eine Erklärung des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen ein, die bereits existierende Menschenrechte so ergänzt, dass sie angemessen auf die spezifischen Bedürfnisse und Lebenssituationen ländlicher Bevölkerungsgruppen ausgerichtet sind“, so Angelika Schaffrath Rosario von FIAN.

„Leider hat die EU, von der sich auch Deutschland vertreten ließ, bei der letzten Verhandlungsrunde vom 9. bis 13. April 2018 eine Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen torpediert und Vorschläge eingebracht, die die Wirkkraft der Erklärung schwächen würden. Die EU weigert sich, grundlegende Rechte von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen anzuerkennen. Das muss sich ändern“, resümiert Jan Urhahn vom entwicklungspolitischen INKOTA-netzwerk.

Während auf internationaler Ebene um eine Anerkennung von Rechten von Bäuerinnen und Bauern und die Verankerung des Rechts auf Saatgut, Land und anderem gerungen wird, sind in Brasilien die Entwicklungen gegenläufig.

Dazu Wolfgang Hees vom Freundschaftsverein der brasilianischen Landlosenbewegung: „Mit der politischen Neuausrichtung Brasiliens seit dem parlamentarischen Putsch gegen Präsidentin Dilma Rousseff 2016 haben sich die Konfliktlagen in Brasilien verschärft. Unter der amtierenden Regierung von Präsident Temer werden Programme zur Kleinbauernförderung und Agrarreform gekürzt oder ganz eingestampft.“ Nach Angaben von Expert*innen drohe das Land in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen wieder auf die Welthungerkarte des World Food Programms zurückzukehren. „Soziale Bewegungen werden diskriminiert, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen wie Kleinbäuerinnen und Kleinbauern massiv bedroht, oppositionelle Politiker*innen ermordet. Allein 2017 gab es auf Grund von Landkonflikten 65 Morde.“

„Die EU nutzt diesen Rechtsruck in Brasilien wie auch anderen lateinamerikanischen Ländern, um schnellstmöglich das lange Jahre blockierte Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay abzuschließen. Dieses Handelsabkommen bedient einseitig die Interessen der Agrar- und Ernährungsindustrie wie der multinationalen Konzerne. Diese zielen auf eine Intensivierung der Ausbeutung und Privatisierung natürlicher Ressourcen wie Land, Wasser und Saatgut. Mit der Expansion der exportorientierten Agrarindustrie werden nicht nur die Lebensgrundlagen und kleinbäuerlichen Strukturen in den Mercosur-Ländern weiter zerstört, sondern durch den verschärften Konkurrenzdruck durch Billigimporte aus den Mercosur-Ländern auch bäuerliche Existenzen in Deutschland und Europa. Wir fordern deshalb, das EU-Mercosur-Handelsabkommen zu stoppen – damit eine Wende zu einer bäuerlichen und ökologischeren Landwirtschaft weiter eine Chance hat“, so Jan Dunkhorst vom FDCL.

Wolfgang Hees ergänzt dazu: „Dass es Alternativen zum herrschenden Agrarmodell gibt, hat auch die brasilianische Landlosenbewegung in ihrer über dreißigjährigen Geschichte aufgezeigt. Durch die Methode der Landbesetzung haben 500.000 Familien Zugang zu Land erhalten, die einen erheblichen Beitrag für die Ernährungssouveränität des Landes leisten. In den vergangenen Jahren konnte die MST eine Agrarpolitik befördern, die sich auch an den familiären landwirtschaftlichen Betrieben und agrarökologischem Landbau ausrichtet. All diese Errungenschaften sind aktuell gefährdeter denn je, da mit dem Regierungswechsel in Brasilien wieder ausschließlich das Agrobusiness den Kurs bestimmt.“

Der Gedenktag des kleinbäuerlichen Widerstands wird getragen vom weltweiten Netzwerk La Via Campesina und geht auf ein Massaker am 17.4.1996 im brasilianischen Eldorado dos Carajás zurück, bei dem 19 Landlose der Bewegung der Landlosen MST gefoltert und erschossen wurden.

Die Pressemitteilung wird getragen von:
Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW), Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), FIAN Deutschland e.V., Freundschaftsverein der Landlosenbewegung MST in Deutschland, Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL), Freund*innen des 17. April, INKOTA-netzwerk e.V., treemedia e.V.

Pressekontakte:
Jan Dunkhorst (FDCL): 0157 31 52 12 41
Wolfgang Hees (Freundschaftsverein MST in Deutschland und AbL): 0176 39 87 29 28
Constanze Lemmerich (treemedia e.V.): 0176 54 32 33 92
Jan Urhahn (INKOTA-netzwerk): 0176 70 61 03 81

Weitere Informationen:
> Bäuerliche Rechte stärken – weltweite Diskriminierungen stoppen! Für die UN-Erklärung der Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten: Ein zivilgesellschaftliches Positionspapier von April 2018, zu finden unter diesem Link: http://bit.ly/2q63SDk
> Hintergrundinfos zur MST-Delegationsreise finden sich hier…

Artikelaktionen

Landpastorale veröffentlicht 2017er-Zahlen zu Landkonflikten

Die Landpastorale CPT veröffentlicht die neuesten Zahlen ihrer jährlich erhobenen Daten zu Landkonflikten in Brasilien.
Landpastorale veröffentlicht 2017er-Zahlen zu Landkonflikten

CPT-Statikstik zu Landkonflikten 2017

Im Jahr 2017 kam es nach der neuesten Zusammenstellung der Landpastorale CPT in Brasilien zu 70 Ermordungen auf dem Land bei Landkonflikten. Dies stellt einen Anstieg um 15 Prozent zum Vorjahr dar. In der akribisch zusammengestellten und mehrfach überprüften Auflistung finden sich für das Jahr 2017 allein vier Massaker, die in den Bundesstaaten Bahia, Mato Grosso, Pará und Rondônia stattfanden. Es gab wahrscheinlich noch ein weiteres Massaker, eines, das an in freiwilliger Isolation lebenden Indigenen im Vale do Javari, im Bundesstaat Amazonas, begangen wurde, demzufolge es dabei über 10 Opfer gab. Da die Bundesstaatsanwaltschaft MPF und die Indigenenbehörde FUNAI über die Authentizität dieses Massakers aber keine abschließende Einigung erzielen konnten, da die Beweislage zu unklar war, hat sich die CPT entschieden, dieses Massaker nicht in die Statistik aufzunehmen. Die CPT wies aber mit Nachdruck darauf hin, dass die nun vorgestellte Datenbasis nur ein Abbild der Realität in Brasilien sei, einer Realität, die wegen etlicher Unbekannter noch viel schlimmer ausfallen könne.
Die CPT wies zudem auf die äußerst Besorgnis erregende Tendenz hin, dass es von den 70 Fällen des Jahres 2017 in 28 Fällen, also in 40% der Fälle, um Massaker ging. Die CPT errechnete ebenfalls, dass es in den Jahren zwischen Beginn der Erhebung der Daten im Jahr 1985 und dem letzten Jahr 2017 insgesamt 46 Massaker, mit 220 Opfer, gegeben hat.
Zwischen 1985 und 2017 musste die CPT 1.438 tödliche Landkonflikte in Brasilien konstatieren, die in 1.904 Todesopfer resultierten. Von all diesen Fällen, so die CPT, wurden nur 113 Fälle vor Gericht verhandelt, was einem Durchschnitt von acht Prozent der Fälle entspricht. Insgesamt wurden nur 94 Täter und nur 31 Hintermänner der Taten verurteilt. Die Landpastorale CPT kommt zu dem Schluss: Die Straflosigkeit ist einer der Gründe, warum die Zahl der Landkonflikte in Brasilien noch immer so hoch ist.

Artikelaktionen

Zweifelhafte Verurteilung soll Lula aus dem Rennen um Präsidentschaft werfen

Die Präsidentschaftswahl im Herbst sah nach einem Heimspiel für den ehemaligen linken Präsidenten Lula da Silva aus, doch mittlerweile sitzt er im Gefängnis und ob er zugelassen wird ist höchst unsicher.
Zweifelhafte Verurteilung soll Lula aus dem Rennen um Präsidentschaft werfen

Mídia NINJA, Flickr https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Dabei gibt es in dem Verfahren wegen angeblicher Korruption gegen ihn nur einen Zeugen, der sich für seine Aussage Milde in eigener Sache erhofft und außerdem keinen einziges Beweismittel, erzählt Fabian von der Kooperation Brasilien (KoBra) im Gespräch mit Radio Dreyeckland. Außerdem beleuchtet er die Hintergrpnde der politischen Situation in dem größten Land Lateinamerikas.

Nachhören bei von Radio Dreyeckland

Artikelaktionen

Pressemitteilung zur aktuellen Situation in Brasilien

Anlässlich einer Delegationsreise der Landlosenbewegung MST vom 10. bis 21. April 2018 haben die FreundInnen der brasilianischen Landlosenbewegung MST die folgende Pressemeldung herausgebracht.
Pressemitteilung zur aktuellen Situation in Brasilien

Voller Sorge nehmen wir die Ereignisse der letzten Wochen und Tage in Brasilien zur Kenntnis. Bereits 2016 wurde die demokratisch gewählte Präsidentin Dilma Roussef (PT) auf eine höchst fragwürdige Weise ihres Amtes enthoben, nun wurde auch der ehemalige Präsident Brasiliens, Luís Inácio Lula da Silva (PT) ,
der mit seinen Sozialprogrammen Millionen Menschen  aus dem Elend befreite, ohne konkrete Beweiseverurteilt und sitzt seit Samstag, 8. April in Haft.


Die Arbeiterpartei und ihre Anhänger, zahlreiche Intelektuelle, Künstler*innen, Gerwerkschaftler*innen und Vertreter*innen progressiver sozialer Bewegungen und Parteien sehen in dem Verfahren gegen Lula einen zweiten Putsch. Es soll verhindert werden, dass Lula, der in den Umfragen für die Wahlen zum Präsidentendeutlich in Führung liegt, kandidieren kann. 2018 ist Wahljahr.


Die Veruteilung ist ein starker Einschnitt in die Demokratie und rechtstaatliche Errungenschaften, basiert sie bislang auf keinerlei vorgelegten Beweisen. Sie ist zugleich ein Affront gegen die Bevölkerung, ihre nach der Militardidaktur (1964–1985) hart erkämpfte Demokratie und vorbildhafte Verfassung von 1988, wie auch ihreHoffnungen auf eine bessere Zukunft.


Delegationsreise aus Brasilien
Vom 10.-21.April 2018 haben wir mit Ceres Hadich, Bereich Gender und politische Bildung und Matheus Gringo de Assunção, Generalsekretär der MST; Sao Pãulo zwei Vertreter*innen der brasilianischen Bewegung der Landlosen, einer der stärksten und größten sozialen Bewegungen Lateinamerikas, eingeladen
und bieten im Rahmen dessen Pressegespräche und Interviews über die Bewegung wie auf die aktuelle politische Lage in Brasilien an. Zu den Veranstaltungsterminen


Bei Interesse an einem Gespräch bitten wir im eine kurze Rückmeldung an:
Pressekontakt: brasilien@treemedia.org
Constanze Lemmerich, Projektorganisation

 

Über die Landlosenbewegung MST
Seit vielen Jahren begleiten und beobachen wir die Situation in Brasilien und stehen konkret mit der Landlosenbewegung MST im Austausch. Die Landlosenbewegung MST, der es in ihrer über dreißigjährigen Geschichte gelungen ist, für über 500.000 Familien für die Agrarreform durch ihre Methode der Landbesetzung Zugang zu Land zu bekommen, und die einen erheblichen Beitrag für die Ernährungssouveränität des Landes beigetragen hat, steht nach dem parlamentarischen Putsch von 2016 und den derzeitigen politischen Umstrukturierungen vor einer ihrer größten geschichtlichen Herausforderungen.

 

  • rund 100.000 Familien leben derzeit auf besetztem Land und haben den langwierigen Prozeß einer rechtlichen Anerkennung noch vor sich.
  • Millionen von Familien – im Rahmen der Agrarreform angesiedelte Familien im MST und traditionelle Kleinbäuer*innen (die in der befreundeten MPA – der Bewegung der Kleinbauern organisiert sind) – hatten in den letzten Jahren dank der nationalen Schulspeisungsprogramme (die einen hohen Anteil regionaler und kleinbäuerlicher Produkte enthalten mussten) einen guten und garantierten Absatz ihrer Produkte. Mit der Einstellung dieser Programme durch die neue Regierung müssen sie neue Märkte aufbauen.
  • Die Landlosenbewegung hat mit ihrer Nationalschule Florestan Fernandes ENFF in Brasilien ein einzigartiges Schulungszentrum aufgebaut und seit 2005 mehrere tausend Lehrer*innen,Agrartechniker*innen, Leiter*innen von Kooperativen, aber auch Geograf*innen, Historiker*innen und Jurist*innen ausgebildet. Die Ausbildungen sind staatlich anerkannt, aber das Programm ist gefährdet.
  • Dank der Absolvent*innen kann die Landlosenbewegung heute aus den eigenen Reihen Lehrer*innen in die Agrarreformsiedlungen und Landbesetzungen schicken, durch eigene Agrartechniker*innen den agrarökologischen Landbau vorantreiben, sich gerichtlich selber verteidigen, ein gut funktionierendes Gesundheitsprogramm für die Bewegung aufbauen, etc.. Angesichts der zunehmend drastischen Menschenrechtslage in Brasilien und der Gewalt gegen Menschenrechtsverteidiger*innen und Umweltaktivist*innen, politisch motivierter Morde, Zunahme der Gendergewalt und institutionellem Rassismus, melden zivilgesellschaftliche Gruppen und deren Vertreter*innen alamierende Zustände. Umso wichtiger ist es, auch international auf die Lage aufmerksam zu machen, diese zu beobachten und hierzulande über die Situation in Brasilien zu berichten.


Für den Freundschaftsverein Amigos do MST/treemedia e.V.
Constanze Lemmerich (Projektorganisation)
und Wolfgang Hees (Vorstand amig@s do MST, Deutschland)


Kontakte:
Constanze Lemmerich: Wolfgang Hees
Projektorganisation: brasilien@treemedia.org amig@s do MST, Deutschland
Mobil: +49 176 54 3233 92 mobil 0176-39872928
+55 11 956305215 (Whatsapp) www.mstbrasilien.de
www.treemedia.org


Eichstetten/ São Paulo im April 2018

Artikelaktionen

Solidarität mit Lula

Am Wochenende wurde Ex-Präsident und Präsidentschaftskandidat Luiz Inácio Lula da Silva von Bundesrichter Moro wegen Korruptionsvorwürfen ins Gefängnis geschickt. Lange hatte sich Lula der Hetzjagd auf seine Person widersetzt. Die Brasilieninitiative Freiburg e.V., die auch für die Brasilien Nachrichten verantwortlich ist, hat eine Solidaritätserklärung verfasst.
Solidarität mit Lula

Beim Weltsozialforum in Salvador Foto: Uta Grunert

Als Nicht-Regierungsorganisation, die bereits  seit 40 Jahren von  Deutschland aus die Entwicklung in Brasilien begleitet, möchten wir zu den Vorgängen, die derzeit in Brasilien stattfinden, Stellung beziehen.  Mit Veranstaltungen und unserer Zeitschrift „BrasilienNachrichten“ versuchen wir seit der Zeit der Militärdiktatur denjenigen eine Stimme zu geben, solidarisch mit denen zu sein,  die in der Gesellschaft an den Rand gedrängt sind. Wir haben den Weg Brasiliens hin zur Demokratie begleitet. Voller Sorge nehmen wir nun die Ereignisse der letzten Zeit zur Kenntnis. Nicht nur wurde die Präsidentin Dilma auf eine höchst fragwürdige Weise ihres Amtes enthoben, jetzt wurde auch der ehemalige Präsident Brasiliens, Lula,der mit seinen Sozialprogrammen Millionen Menschen aus dem Elend befreite, ohne konkrete Beweise verurteilt. Dieses Urteil hat unserer Meinung nach politische Gründe: Es soll verhindert werden, dass Lula, der in den Umfragen für die Wahlen zum Präsidenten deutlich in Führung liegt, kandidieren kann.
Wir drücken mit diesen Zeilen unsere Solidarität mit dem ehemaligen Präsidenten Lula aus. Die Verurteilung Lulas beruht auf keinerlei vorgelegten Beweisen. Sie ist zugleich ein Affront gegen die Bevölkerung und ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.

Carta de Solidariedade

Como ONG, que há 40 anos acompanha desde a Alemanha o desenvolvimento no Brasil,  queremos deixar clara nossa posição em relacão aos fatos que vêm se desenrolando aatualmente no país. Através de eventos e de nossa revista BrasilienNachrichten estamos tentando desde a ditatura militar ser solidários e dar uma voz àqueles que estão à margem da sociedade. Acompanhamos o caminho do Brasil até a democracia.
Com preocupação vemos os aconteciments recentes. Não só a presidente eleita Dilma Roussef foi afastada de seu cargo através de duvidosas acusações, mas também agora o Ex-presidente Lula da Silva, que com seu programa social de governo tirou milhões de brasileiros da linha da miséria, está sendo condenado através de acusações fragéis e sem provas concretas. Essa condenção a nosso ver tem como base uma manobra política que visa afastar Lula da próxima candidatura a Presidência da República.
Com estas palavras queremos nos solidarizar com o Ex-presidente Lula da Silva. Sua condenação não se baseia em provas concretas. É ao mesmo tempo uma afronta em relação ao povo brasileiro e sua esperança num futuro melhor.
Em nome da revista  BrasilienNachrichten e da ONG brasilieninitiative  f r e i b u r g  e.V.  – Alemanha -  




Artikelaktionen

Staatsanwaltlicher Mahnbrief an die Stiftung Fundação Renova der Firmen Samarco, Vale und BHP Billiton

Sieben Staatsanwaltschaften sprechen deutliche Warnung an die Stiftung Fundação Renova der Firmen Samarco, Vale und BHP Billiton wegen Mißachtung der Rechte der Betroffenen aus.
Staatsanwaltlicher Mahnbrief an die Stiftung Fundação Renova der Firmen Samarco, Vale und BHP Billiton

Kein sauberes Wasser mehr: Flusswasser im Rio Doce in der Terra Indígena Krenak bei Resplendor. Foto: Christian Russau, März 2016

Über zwei Jahre nach dem Samarco-Dammbruch bei Mariana haben in einer nie dagewesenen gemeinsamen Aktion sieben Staatsanwaltschaften einen offiziellen Mahnbrief an die Stiftung Fundação Renova geschickt, in dem sie der Stiftung vorwerfen, bei ihren Wiederaufräum- und Kompensationsmaßnahmen die Rechte der vom Bruch des Fundão-Damms des Rückhaltebeckens der Bergbaufirma Samarco Betroffenen zu mißachten. Unterzeichnet haben den Brief die Bundesstaatsanwaltschaft MPF, die Bundesstaatsanwaltschaft für Arbeitsrecht MPT, die Landesstaatsanwaltschaften von Minas Gerais, MP-MG, und von Espírito Santo, MP-ES, sowie die Verteidigungsstaatsanwaltschaften Defensoria Pública des Bundes DPU sowie der Bundesstaaten Minas Gerais DP-MG und der von Espírito Santo DP-ES.

Die sieben Staatsanwaltschaften werfen der Stiftung Fundação Renova vor, den Tausenden von Betroffen nicht hinreichend Zugang zu Informationen zu gewähren und dabei der gerichtlich verordneten kostenlosen Zurverfügungstellung angemessenen Rechtsbeistands nicht nachzukommen. Zudem erfolge die Kadastrierung der Betroffenen, die die Grundlage für Wiedergutmachung und Entschädigung der erlittenen Verluste und Schäden ist, nicht in hinreichendem Maße, da zu viele Hürden und Hindernisse im Ablauf der eigentlich vorgeschriebenen Kadastrierungsprozesse zu verzeichnen seien und die erklärte Absicht der Stiftung, die Kadastrierung bis Mitte dieses Jahres per Stichtagsregelung abzuschließen, berge die Gefahr, dass zu viele der Betroffenen eventuell nie zu einer Kadastrierung ihrer berechtigten Anliegen gelangen könnten. Hinzu kommt der schwerwiegendste aller Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaften der Stiftung Fundação Renova sowie den Firmen Samarco, Vale und BHP Billiton gegenüber erheben: die bisherigen Maßnahmen zu Wiedergutmachung und zu Entschädigung der erlittenen Verluste und Schäden der Betroffenen seien bei weitem nicht ausreichend. Dies beträfe sowohl die Anwohner, deren Häuser und Grundstücke direkt zerstört wurden, die Angehörigen, deren Familienmitglieder durch die Schlammwelle aus dem Tailing-Bruch getötet wurden, die Fischer, die ihr Auskommen verloren haben und von denen die Fundação Renova nur diejenigen wohnend in einem Radius von einem Kilometer entlang der Flussläufe als betroffen kadastrieren und anerkennen mag, sowie die unbekannte Zahl der Anrainer (Schätzungen der Rückversicherungsgesellschaft Terra Brasis gehen von 3,5 Millionen betroffenen Menschen aus), deren Wasserversorgung monatelang, in etlichen Fälle bis heute in Mitleidenschaft beziehungsweise ganz unterbrochen wurde. Von den Millionen Kubikmetern Klärschlamms der Eisenbergbaureste, die noch immer entlang der Ufer und in den Flussläufen sowie in der Meeresmündung des Rio Doce noch immer abgelagert liegen, und den daraus resultieren gravierenden Umweltschäden, gar nicht erst zu sprechen.

Die sieben Staatsanwaltschaften haben sich daher entschlossen, in einem gemeinsamen Brief an die Stiftung Fundação Renova diese Mißstände anzuprangern und haben der Stiftung eine Frist von 20 Tagen gesetzt, in der sie auf diese Vorwürfe reagieren müsse.

Die Stiftung Fundação Renova war infolge einer Übereinkunft zwischen den Regierungen von Bund und der zwei betroffenen Bundesstaaten, der beteiligten Staatsanwaltschaften sowie der Firmen Samarco, Vale und BHP Billiton gegründet worden, um die immensen Umweltschäden des Dammbruchs zu reparieren. Kritiker werfen den Firmen und den verschiedenen beteiligten Regierungen vor, bei der Einsetzung der Stiftung Renova ausgerechnet den Wolf im Schafspelz oder besser den Bock des Gärtners als Oberaufseher für die Kompensationsmaßnahmen und Verhandlungen mit den Betroffenen gemacht zu haben. Statt die Betroffenen und die engagierte Zivilgesellschaft sowie unabhängige Wissenschaftler in die Stiftungsgremien aufzunehmen und dergestalt zu garantieren, dass die Stimmen der Betroffenen gehört und respektiert werden, entsched man sich für die Lösung aus Firmen- und Beamtenvertretern in den Organen der Stiftung.

Bei Mariana im Bundesstaat Minas Gerais war am 5. November 2015 der Damm des Erzbergwerk-Tailings von Samarco gebrochen. Millionen Kubikmeter an Bergwerksschlamm aus der Eisenerz-Mine der Firma Samarco und ein Tsunami aus Schlamm zerstörte mehrere Dörfer, 349 Häuser, Schulen und Kirchen. Die Flüsse Rio Gualaxo do Norte, Rio do Carmo und Rio Doce wurden verseucht. Insgesamt starben 19 Menschen. Samarco ist eine Aktiengesellschaft, die zu gleichen Teilen im Besitz der australisch-britischen BHP Billiton Brasil Ltda. und der brasilianischen Vale S.A. steht. Laut Erhebung der US-amerikanischen Beraterfirma Bowker Associates stellt die Katastrophe von Mariana einen Dreifach-Negativ-Rekord in der Geschichte des Bergbaus dar:

Die Menge an ausgetretenem Schlamm: 32 bis 62 Millionen Kubikmeter.
Die Größe des betroffenen Gebiets: 680 Kilometern Flusslauf
Die Schadenshöhe: 5 bis 55 Milliarden USD.

Bis heute warten die betroffenen Menschen auf den Wiederaufbau ihrer Häuser und Dörfer und auch auf angemessene Entschädigung.

Artikelaktionen

[Podcast] Die Exekution von Marielle Franco

Wir unterhalten uns mit einer Freundin der Getöteten. Monica Santos Francisco war Teil kollektiven Mandats, das Marielle seit ihrer Wahl ausübte.
[Podcast] Die Exekution von Marielle Franco

By Mídia NINJA [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Die PSOL-Stadträtin Marielle Franco wurde am 14. März in Rio de Janeiro erschossen, als sie von einer Veranstaltung über Schwarze Jugendliche kam. Mindestens vier Schüsse trafen sie in den Kopf. Mit ihr zusammen starb ihr Fahrer Anderson Gomes.  Die Exekution der schwarzen Stadträtin ist ein weiterer Höhepunkt in der Gewalteskalation die sich sowohl in Rio de Janeiro aber auch in ganz Brasilien seit einigen Jahren ereignet.

Wir konnten für diesen Podcast eine Freundin der Getöteten ins Studio holen. Monica Santos Francisco war Teil kollektiven Mandats, das Marielle seit ihrer Wahl ausübte.

Artikelaktionen

Riberinhos und Munduruku wehren sich gemeinsam gegen Todesdrohungen

Zwei Aktivisten die sich gegen die Staudammprojekte am Tapajós wenden werden mit dem Tod bedroht. Die Indigenen vom Volk der Munduruku erklären sich solidarisch mit den beiden Aktivisten.
Riberinhos und Munduruku wehren sich gemeinsam gegen Todesdrohungen

Riberinhos & Munduruku

Wir, das Volk Munduruku des mittleren und oberen Tapajós und das Volk Apiaká, bekunden unsere Solidarität mit den Freunden und Gefährten der Gemeinde Montanha und Mangabal, die mit dem Tod bedroht werden. Zwei großartige Gefährten: Chico Caititu (den wir Kazike Daje nennen) und Ague Pereira mussten schon aus ihren Häusern fliehen, ohne zu wissen, wann sie zurückkommen können. Die zurückgebliebenen Familien der beiden und von Pedro Braga sind sehr besorgt. Wohin soll diese Situation noch führen?

Wir wissen, dass unser Kampf zur Verteidigung des Flusses Idixidi (Tapajós) und unserer Gebiete unangenehm ist, besonders nach dem wir die Gebiete Montanha, Mangabal und Daje Kapap Eypi,  eigenständig abgegrenzt haben. Die „Pariwat“- diejenigen die nicht zu diesem Ort gehören, nennen es das Indigenen-Reservat Sawre Muybu. Seit vielen Jahren werden wir mit Eindringlingen konfrontiert, die unsere Flüsse und unser Land mit illegaler Goldsuche und Abholzung zerstören. Aber umso mehr wir unsere Territorien beschützen und für unsere Rechte kämpfen, desto stärker werden wir bedroht.

Der Kampf des Volkes Munduruku und der Gemeinden Montanha und Mangabal ist ein vereinter Kampf. Zusammen besetzten wir Belo Monte, grenzten Daje Kapap Eypi, Montanha und Mangabal ab, erstellten unsere Konsultationsprotokolle, besetzten die Transamazônica, sagten den Politikern in Brasília und Itaituba, dass wir gegen die Staudämme, die Eisenbahntrasse und die Invasion der Sojaplantagen sind… wir haben schon viel gemeinsam gemacht und werden es weiterhin tun. All diese Projekte bringen den Tod und der Fluss Tapajós ist unser aller Leben.  Wir, Munduruku und Ribeirinhos (andere traditionelle Anwohner*innen an Flussufern), wir sind vom selben Fluss, wir sind vom selben Blut, wir sind vom selben Wald. Wir sind zusammen auf demselben Territorium am Fluss aufgewachsen. Wer sich mit den Ribeirinhos, die an unserer Seite kämpfen anlegt, legt sich auch mit dem Volk Munduruku an, sawe.

 

Original auf Portugiesisch:

Nós, povo Munduruku do Medio e Alto Tapajós e povo Apiaká, queremos expressar nossa solidariedade aos amigos e companheiros de luta de Montanha e Mangabal, que estão sofrendo ameaças de morte. Dois grandes companheiros já tiveram que sair de suas casas, sem saber quando vão voltar: Chico Caititu (que chamamos de cacique Daje) e Ageu Pereira. As famílias dos dois e do Pedro Braga, que ainda está na comunidade, estão muito preocupadas. E nós também. Até onde vai essa situação?

Sabemos que a nossa luta em defesa do rio Idixidi (Tapajós) e dos nossos territórios incomoda muito, principalmente depois que fizemos, juntos, as autodemarcações de Montanha e Mangabal e de Daje Kapap Eypi, que os pariwat chamam de Terra Indígena Sawre Muybu. Já faz muitos anos que estamos enfrentando de frente os invasores que destroem nosso rio e nossa terra com garimpo ilegal ou tirando madeira e palmito. Mas cada vez que protegemos mais os nossos territórios, que lutamos mais por direitos, encontramos mais ameaças.

A luta do povo Munduruku e de Montanha e Mangabal é uma luta só. Juntos nós ocupamos Belo Monte, demarcamos Daje Kapap Eypi,  demarcamos Montanha e Mangabal, fizemos os nossos protocolos de consulta, ocupamos a Transamazônica, falamos pros políticos de Brasília e de Itaituba que somos contra as barragens, o Ferrogrão, a invasão da soja... Já fizemos muito juntos e vamos continuar fazendo. Todos esses projetos são de morte, e o rio Tapajós é a nossa vida, de todos nós. Nós, Munduruku e ribeirinho, somos do mesmo rio, somos do mesmo sangue, somos da mesma floresta. Fomos criados juntos, no mesmo território, no mesmo rio. Se mexer com os ribeirinhos, que estão com a gente na luta, mexeu com o povo Munduruku também sawe.

Artikelaktionen

Ashaninka-Anführer Benki Piyãko unschuldig vor Gericht!

Der Ashaninka-Anführer Benki Piyãko ist in großer Gefahr. Schon diese Woche könnte er unschuldig ins Gefängnis kommen. In einem Verfahren vor dem 1. Strafgerichtshof von Cruzeiro do Sul im brasilianischen Bundesstaat Acre drohen ihm bis zu acht Jahren Haft.
Ashaninka-Anführer Benki Piyãko unschuldig vor Gericht!

Foto: Moisés Moreira

Ganz offensichtlich soll hier ein mutiger indigener Menschenrechtler kriminalisiert und mundtot gemacht werden.

Seit Jahren wird Benki Piyãko wegen seiner Arbeit zum Schutz der Umwelt und der Kultur seines Volkes immer wieder bedroht und angefeindet. Auch mit dem Tode wurde er mehrfach bedroht. Solche Drohungen sind sehr ernst zu nehmen. Wenn es darum geht, Umweltschützer und Menschenrechtler auszuschalten, wird gerade in Brasilien nicht lange gezögert. Deshalb zeigte Benki Piyãko seine Verfolger an und bat um Schutz für sein Leben und die Sicherheit seiner Gemeinschaft. Doch stattdessen landete er nun selbst vor Gericht. Seine Verfolger stritten alle Klagepunkte ab. Das Verfahren gegen sie wurde eingestellt. Seine Anzeige wird Benki Piyãko nun als Verleumdung und Falschaussage zur Last gelegt. Möglicherweise wird das Urteil der ersten Instanz schon im April gesprochen.

Helfen Sie mit, diesen aufrichtigen Mann vor Verfolgung zu schützen. Lassen Sie nicht zu, dass Benki Piyãko kriminalisiert und vom Opfer zum Täter gemacht wird. Unterstützen Sie unseren Appell an Brasiliens Präsidenten Michel Temer!

zum Appell

Artikelaktionen

Wir fordern die umgehende und lückenlose Aufklärung des Mords an Marielle Franco

Wir, die Unterzeichnenden, erklären uns solidarisch mit der Familie und den Freunden von Marielle Franco. Wir sind in tiefer Trauer und entsetzt über ihre feige Ermordung.
Wir fordern die umgehende und lückenlose Aufklärung des Mords an Marielle Franco

Foto: Mídia NINJA/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Marielle Franco wurde am 14. März in der Innenstadt von Rio de Janeiro erschossen, als sie von einer Veranstaltung über Schwarze Jugendliche kam. Mindestens vier Schüsse trafen sie in den Kopf. Mit ihr zusammen starb ihr Fahrer Anderson Gomes. Dass eine bekannte Politikerin auf offener Straße ermordet wird, zeigt ein Ausmaß an Brutalität, das selbst für die Stadt Rio de Janeiro neu ist. Der Mord an Marielle ist offensichtlich eine geplante Hinrichtung - davon geht auch die ermittelnde Polizei aus.

Die Politikerin saß für die Partei PSOL, einer Linksabspaltung der Arbeiterpartei PT, im Stadtparlament von Rio. Sie war eine der bekanntesten Menschenrechtsaktivist_innen in Brasilien und setzte sich gegen Rassismus und für Menschenrechte, feministische Themen und Rechte von LGBTI ein. Sie brachte einen Gesetzesentwurf auf den Weg, der Frauen Schwangerschaftsabbrüche erleichtern sollte. Marielle Franco war eine vehemente Kritikerin von Polizeigewalt und Korruption in der Polizei. Sie prangerte die Massenmorde von Jugendlichen in den Armenvierteln an und machte auf die direkte Beteiligung der Polizei an diesen Morden aufmerksam. Zuletzt kritisierte sie die Militärintervention in Rio de Janeiro. Seit Februar hat das Militär die Kontrolle über die Sicherheit von Rio übernommen. Marielle Franco war die Vorsitzende der neuen Kommission, die die Militäraktionen in den Armenvierteln überwachen sollte. Der Mord an Marielle Franco wird mit ihrer Kritik an Polizei und Militär in Verbindung gebracht.

Wir fordern, dass alle nur möglichen Kräfte aufgewandt werden, diesen Mord umgehend aufzuklären, und dass die Verantwortlichen dafür bestraft werden. Wir begrüßen die Forderung der UN-Menschenrechtskommission an die brasilianische Regierung, eine "unabhängige und transparente" Untersuchung zu garantieren. Ebenso unterstützen wir die Forderung der Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL) im EU-Parlament, die Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur auszusetzen, "solange kein Ende der Gewalt sowie der Einschüchterungen gegen die politische Opposition und Menschenrechtsaktivisten" absehbar sei. Wir fordern den Präsidenten Brasiliens, Michel Temer, auf, sein Versprechen einzuhalten und die Täter nicht ungestraft davonkommen zu lassen.

Unsere Solidarität gilt der Familie und den Freunden der ermordeten Politikerin Marielle Franco und ihres Fahrers Anderson Gomes. Unsere Solidarität gilt ebenso allen linken Politiker_innen sowie Schwarzen, feministischen und Lesben, Gays, Bi-, Trans- und Intersexuellen-Aktivist_innen, die sich so wie Marielle Franco für die Rechte von Minderheiten und Unterdrückten und für Gleichbehandlung, Toleranz und Gewaltfreiheit einsetzen. Wir weisen jegliche Form der Gewalt zurück, verlangen die lückenlose Aufklärung des Verbrechens und die Verurteilung der Schuldigen.


Unterzeichnende Organisationen

FDCL, Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V.

Nachwuchsforschungsgruppe BioInequalities der Friedrich-Schiller-Universität Jena

KoBra – Kooperation Brasilien e.V.

Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre e.V.

brasilieninitiative freiburg e.V.

POEMA e.V. Stuttgart - Armut und Umwelt in Amazonien

 

Zu einer weiteren internationalen Solidaritätsbekundung in Englisch, die von der brasilianischen Bewegung der Babaçu-Nuss-Sammlerinnen (MIQCB) initiiert wurde, gelangt ihr hier:

International Solidarity Manifest_Marielle Franco_English

Artikelaktionen

Indigenen siegen vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte

Der brasilianische Staat muß wegen einer Verletzung des Rechts auf Land eine Millionen US-Dollar an die Xukuru-Gemeinde in Pernambuco bezahlen.
Indigenen siegen vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte

By Ricardo Stuckert/PR - http://www.agenciabrasil.gov.br/media/imagens/2007/01/02/2027rs01.jpg/view, CC BY 3.0 br, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3195677

Diesen Monat hat der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte zum ersten Mal über einen Fall entschieden, in dem es um indigene Ländereien in Brasilien geht. Weil der brasilianische Staat zu lange gebraucht hat, um dem Volk sein Land zurückzugeben, muss dieser eine Millionen US-Dollar an Reparationen bezahlen. Dieses Geld will die Xukuru-Gemeinde in kollektive Anlagen investieren, berichtet der Kazike Marcos. Er nimmt die Entscheidung des Gerichts mit gemischten Gefühlen aus Überraschung und Misstrauen auf. So wirklich mag er nicht daran glauben, dass das Geld wirklich bei der Xukuru-Gemeinde landet.
Marcos ist in einem gewaltsamen Kampf um Land großgeworden, in dem Versprechen keinen Platz hatten. Mit 21 Jahres übernahm er den Kaziken-Posten nachdem sein Vater 1998 von einem fazendeiro, der Anspruch auf Ländereien innerhalb des Reservats erhob, erschossen wurde. Dieser brachte sich im Gefängnis kurz nach seiner Festnahme selbst um.


Der administrative Prozess der Anerkennung und Demarkierung begann 1989. Die Gewaltspirale begann sich ab 1995 zu drehen, als konkretisiert wurde welche Gebiete den Indigenen zugesprochen werden sollen. Auch der Kazike Marcus hat 2003 schon ein Attentat miterlebt bei dem es mehrere Tote gab. 2005 wurde ein Vertreter der Indigenenbehörde FUNAI bei den Konflikten getötet. In dieser Phase des Prozesses wurden den Indigenen formale Eigentumstitel  im Grundbuch eingetragen.


Die Ethnie der Xukuru zählt zirka 7 700 Personen, die sich auf 24 Gemeinden in der Serra do Ororubá in Pernambuco über eine Fläche von ungefähr 27 555 Hektar aufteilen.
Der Kazike hofft darauf, dass dieser Gerichtsentschluss ein Vorzeichen auf friedlichere Zeiten ist. Das Gericht hat entschieden,  dass die Regierung eineinhalb Jahre Zeit hat um die Eindringlinge von dem Land zu verbannen, die Entschädigungszahlungen an die 45 Landwirtinnen und Landwirte zu tätigen, die die Region verlassen haben und einen Fonds von einer Millionen US-Dollar auf den Namen des Xukuru Volkes zu gründen.


Der Fall der Xukuru wurde vom Indigenen-Missionsrat Cimi (Conselho Indigenista Missionário) und seinen Partnern Justiça Global und GAJOP zu Gericht getragen.  Adelar Cupsinski, der als Anwalt bei Cimi tätig ist, hofft, dass der Fall in Zukunft als Musterbeispiel für ähnliche Fälle dient. Er weist auf den Fall der Guarani Kaiowá und Terena aus Mato Grosso do Sul hin, der dem Gericht derzeit vorliegt.

Quelle: El Pais - Brasil

Artikelaktionen

[Podcast] FraPort mit Gegenwind aus Porto Alegre

Anfang des Jahres wurde publik, dass die Flughafengesellschaft FraPort AG für 382 Millionen € den Aeroporto Internacional Salgado Filho von Porto Alegre, Brasilien übernommen hatte.
[Podcast] FraPort mit Gegenwind aus Porto Alegre

Die Hauptaktionäre der FraPort AG sind das Land Hessen und die Stadtwerke Frankfurt. Gemeinsam kontrollieren sie über 51 % der Aktien und können somit über die Ausrichtung des Unternehmens entscheiden.

Wir unterhalten uns mit der Architektin Claudia Favaro die uns vom lokalen Widerstand in Porto Alegre berichtet. Außerdem sind wir verbunden mit Magdalena Heuwieser von der Kampagne System Change not climate Change die sich gegen den Ausbau des Flughafens in Wien organisiert. Sie ist auch in der internationalen Kampagne “Stay grounded” gegen den  Ausbau bzw. Neubau von Flughäfen weltweit engagiert.

Artikelaktionen

Erste Eindrücke vom Weltsozialforum

Wir sprechen mit Uta Grunert über den Auftakt des Weltsozialforum in Salvador Bahia.
Erste Eindrücke vom Weltsozialforum

Auftaktkundgebung WSF

Download (mp3)

Artikelaktionen

Umweltbehörde: Belo Montes Turbinen zerhacken zu viele Fische

Brasiliens Umweltamt Ibama hat die Staudammbetreiberin Norte Energia angewiesen, Test und Betrieb neuer Turbinen unverzüglich einzustellen, da durch die Rotordrehung zu viele Fische sterben.
Umweltbehörde: Belo Montes Turbinen zerhacken zu viele Fische

Zierfischhandel in Altamira am Xingu-Fluss. Foto: Christian Russau

Das Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis (IBAMA) hat die Betreiberfirma des weltweit drittgrößten Staudamms, Belo Monte, angewiesen, unverzüglich das Testen und Betreiben der neuen Turbinen auszusetzen. Mitarbeiter des Ibama hatten in der Woche zwischen dem 16. und 24. Februar dieses Jahres vor Ort 936 tote Fische, die einem Gesamtgewicht von 395 Kilo entsprachen, im Ausflussbecken der stromerzeugenden Turbinen aufgefunden. In der Woche zwischen 25. Februar und 5. März fanden die Beamten 1.092 Fische mit einem rechnerischen Gesamtgewicht von 508 Kilo. Dies berichtet die Tageszeitung O Estado de S. Paulo auf ihrer Webseite. Die 611-MW-Leistungproduzierenden Turbinen saugen die Fische regelrecht an und geraten in Kontakt mit den Rotorblättern. Laut dem Zeitungsbericht geschieht dies vor allem beim Anlaufen der Turbinen, aber auch im normalen Testbetrieb. Vor allem sind Wanderfische gefährdet, da diese zur Laichzeit den Betonriegel im Xingu-Fluss durchqueren müssen.

Nach dem durch Ibama ausgesprochenen Embargo versuchte die Betreiberfirma zunächst durch Lufteinpumpung nahe an den Turbinen, die Fische im Vorfeld mittels Luftblasen abzuschrecken. Dies fruchtete laut dem Zeitungsbericht aber ebensowenig wie der Versuch, Taucher herunterzuschicken, die die Fische nahe der Rotorblätter und der Ansaugstellen zu verjagen versuchten. Norte Energia teilte mit, sie wollen nun weitere technische Möglichkeiten anwenden, um dem Problem Herr zu werden. Die bis zu 18 Turbinen stammen zum Teil auch aus der Fertigung von VoithHydro, einem Joint-Venture der Firmen Voith und Siemens.

Bereits kurz nach der testweise Inbetriebnahme der ersten Turbinen im April 2016 wiesen die Anwohner auf massenhaftes Fischsterben hin. Die Umweltbehörde Ibama konstatierte damals 16,2 Tonnen toter Fische und verhängte eine Millionenstrafe gegen Norte Energia. Doch das Problem war bereits früher bekannt, vor allem den Flussanwohnern und Fischern, die entlang des Xingus seit Generationen fischen.

„Wir lebten vom Fischfang, nun ist da nichts mehr“, berichteten die Flussanwohner bereits 2011, da sich im Fluss wegen der Bauarbeiten für den Kofferdamm die Fischbestände bereits verringerten. Im gleichen Jahr hatte ein Bundesgericht die Bauarbeiten wegen der Bedrohung der Zierfischerei vor Ort zwischenzeitig gestoppt. Der Fisch im Xingu ist nicht nur Nahrungsquelle für die lokalen Flussanwohner, das Fangen und der Export von Zierfischen nach Übersee schafften Arbeit und Einkommen für Hunderte von Familien vor Ort und sicherten deren Überleben. Im Jahr 2012 hatten 800 Fischer dann die Baustelle mehrtägig besetzt, um auf den starken Rückgang der Fischbestände hinzuweisen.

All dies hatte die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP), die im Auftrag der Bauherrin Norte Energia erstellt wurde, so nicht vorausgesehen. Die bedrohten Schildkrötenarten fanden Eingang in die UVP, medienwirksam wurden Schildkröteneier umgesetzt, leider zeichneten die Fernsehkameras auch das unsachgemäße Verbringen der Eier, in ungeschützten Kübeln gestapelt, auf. Die UVP sah einige lokale Fischpopulationen temporär durch die Bauarbeiten beeinträchtigt, aber nicht vom Aussterben bedroht. Dabei hatte selbst die Ibama in einer Stellungnahme im November 2009 sich darüber beschwert, dass politischer Druck ausgeübt werde und dass unklar bliebe, was mit dem Fischbestand geschehen wird auf den 100 Kilometern Flusslauf des Xingu, die zu 80 Prozent trocken gelegt werden durch den Staudammbau. Nur: diese Stellungnahme wurde leider als nicht öffentlich einsehbar deklariert.

Selbst der wissenschaftlichen Fachexpertise von Wissenschaftlern wollte niemand in der Politik so recht zuhören. Der seit Jahrzehnten in Amazonien lebende und forschende US-amerikanische Wissenschaftler Philip Fearnside wies explizit auf die Bedrohung der Fische durch die Staudammbauten hin. Denn der Staudammbau behindere massiv die Migrationsbewegungen der Fische – und die lokalen Auswirkungen in der Großen Flussschleife, die bei dann nur noch 20 Prozent Wasserfluss nicht mehr dem lokalen Habitat der Fische entspräche, trügen auch ihren Teil zur Auslöschung der Populationen bei. Hinzu kämen grundsätzlich Bedrohungen bei Veränderungen von Fließ- zu Staugewässern mit vermindertem Sauerstoffgehalt in tieferen Wasserschichten. Ähnliche Schlussfolgerungen hatte im Jahr 2009 ein 40-köpfiges Team aus Wissenschaftlern von Universitäten über Belo Monte gezogen. Die Wissenschaftler kritisierten die unvollständigen und mit heißer Nadel gestrickten Umweltstudien scharf, wiesen auf die Widersprüche der Studien hin und mahnten, dass die sozialen Folgen und Konsequenzen für die Umwelt durch das Staudammprojekt Belo Monte schwerwiegend sein würden. Laut ihrer Analyse sind durch Belo Monte schätzungsweise 100 Fischarten bedroht. Bislang sind 26 Fischarten bekannt, die nur am Xingu vorkommen. Würden aber alle im Amazonasgebiet geplanten Dämme gebaut werden, so die Wissenschaftler, würde dies sogar die Vernichtung von bis zu 1.000 Fischarten bedeuten.

Über das tatsächliche Ausmaß des Artenverlustes gibt es allerdings kaum verlässliche Angaben, denn die Artenvielfalt vor Ort ist noch immer viel zu wenig erforscht, um abschätzen zu können, welche Verluste durch Großprojekte verursacht werden. Die offizielle Liste Brasilien der bedrohten Fischarten zählt 133 auf, unabhängige Wissenschaftler sprechen einer neueren Studie zufolge von 819 bedrohten Fischarten in Brasilien.

Artikelaktionen

Das Projeto Nova Cartografia Social Amazônia (PNCSA) stärkt Autonomie von traditionellen Völkern und Gemeinschaften

KoBra folgte Anfang März der Einladung des Projekts Nova Cartografia Social Amazônia nach Manaus im Bundesstaat Amazonas. Das Projekt ist an der Universität UEA von Manaus angesiedelt und wird von Professor Alfredo Wagner koordiniert. Parallel dazu gibt es weitere sozialgeografische Forschungsschwerpunkte in anderen Bundesstaaten, z.B. Maranhao und Pará.
Das Projeto Nova Cartografia Social Amazônia (PNCSA) stärkt Autonomie von traditionellen Völkern und Gemeinschaften

Lehrerin Carol und Cacique Astério Martins mit dem Kartenwerk, Foto: Uta Grunert

Das umfangreiche Exkursions-Programm führte in drei verschiedene indigene aldeias im Umfeld der Millionenstadt Manaus. Die interaktive Kartenerstellung der Geografen mit den stadtnahen comunidades bietet indigenen Gruppen oder anderen kollektiven Identiäten ein wirksames Instrument zur Selbstverortung. Auf einer Karte repräsentiert, werden sie wahrgenommen und können teilweise ihre territorialen Rechte auf der Basis von kartiertem Material im brasilianischen Bürokratiedschungel durchsetzen.

In der Comunidade Nossa Senhora do Livramento stellt die sozialkartografische Arbeit des PNCSA die Basis für eine Publikation und Dokumentation der indigenen Spielen dar, die im April 2018 erscheinen wird. Im vergangenen Jahr hatte die aldeia an der Universität angefragt, ob sie für die Spiele gemeinsam eine Karte erarbeiten könnten. In kürze wird die Dokumentation als bulletin zweisprachig erscheinen; auf Portugiesisch und auf Nhengatu, Zu den Spielen werden 500 Athlet*innen und etliche weitere Zuschauer*innen erwartet.  Für die aldeia bedeuten die Spiele und ihre Dokumentation eine wichtige Anerkennung und eine Errungenschaft im Kampf um gesellschaftliche Teilhabe. Das sportliche Treffen stellt eine Demonstration indigener Kultur und  neuem Selbstbewusstsein dar.

Gerade indigene Gruppen in Stadtnähe sind dem enormen Spagat zwischen der Tradition aus historischer, familiärer und kultureller Herkunft und der Konfrontation mit modernem Leben ausgesetzt. Smartphones und Internet gehören zur Grundausstattung in diesen Gruppen, Die Frage der Identität ist daher immer wieder neu zu klären.Welche Traditionen haben noch Relevanz? Welche Perspektiven bietet ihnen ein modernes Leben?

Gleichzeitig haben Karten und das Wissen um GPS und Geografische Informationssysteme eine enorme Wirkung. Sie bieten Indigenen in umkämpften Territorien die Grundlage, um autonom zu handeln. Ein bekanntes Beispeil hierfür sind die Munduruku am Rio Tapajós, die ihr Land autonom vermessen und begrenzt haben. Wenn Regierung und Verwaltung es trotz Rechtsgrundlage nicht schaffen, ihren Aufgaben mit Ausweisung und Demarkation von indigenen Territorien nachzukommen, bietet die neue Sozialkartografie die Möglichkeit zum Handeln – ehe Wirtschaftsunternehmen mit Land- oder Ressourceninteressen oder Regierungsvorhaben ihrerseits das Land in Besitz nehmen.

Schulische Bildung wurde bei allen Besuchen als fundamental wichtig beschrieben, um die jeweilige Sprache der Ethnie und die kulturellen Besonderheiten nicht zu verlieren. Am Rio Negro sprechen Hunderte von Indigenen 22 indigene Sprachen. Inzwischen sind sie auch auf Landkarten sichtbar!

Neben klassischem schulischen Basiswissen werden in den indigenen Schulen Hintergründe vermittelt, die indigene Rechte fundamental betreffen. Juristische Fragen, gesetzliche Grundlagen, indigene Administration und politische Zusammenhänge. Für ungeschützte Gruppen ist Fortbildung in diesen Bereichen überlebensnotwendig. Indigene Schulen können verschiedene Dimensionen haben. An manchen Orten gleichen sie kleinen Dorfschulen, wo eine Lehrerin sehr engagiert eine Gruppe betreut, in der eine Altersspanne vom Vorschulalter bis zu Erwachsenen unterrichtet wird. Es ist beeindruckend, was hier geleistet wird. Kontextualisierte Bildung stellt daher ebenfalls ein Instrument der Stärkung indigener und kollektiver Kämpfe dar.

Artikelaktionen

Frauenkampftag in Manaus, Amazônia

Laut, bunt und kämpferisch wird der Weltfrauentag in Manaus und an vielen weiteren Orten Brasiliens begangen. Man sollte eigentlich einen Trauermarsch erwarten, wenn man sich die Situation vieler Frauen in Brasilien vor Augen hält. Aber in Manaus zieht eine Demonstration durch die Altstadt, die ihre Energie in die Zukunft richtet. Begleitet von Trommlerinnen und von einem Lautsprecherwagen, auf dem verschiedene Rednerinnen ihre Kampfreden vortragen. Viele junge Frauen laufen mit, Schülerinnen genauso wie etliche Männer. Feministinnen alle Altersgruppen fordern, dass der Abbau von Sozialrechten gestoppt werden muss, der Frauen besonders hart trifft. Perda de direitos? Eu nao aceito.
Frauenkampftag in Manaus, Amazônia

Foto: Uta Grunert, Dia da mulher 2018, Manaus

Die Transparente fordern eine Rücknahme der sogenannten Rentenreform reforma da previdencia, die für viele Frauen die sichere Arbeitsarmut bedeutet. Alle sind gegen die Gewalt, die den Alltag von Frauen prägt. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt Brasilien weltweit an fünfter Stelle, wenn man weltweit Frauenmorde vergleicht. Rassismus spielt in dem Zusammenhang eine zusätzliche Rolle: Alle 23 Minuten wird eine junge Frau schwarzer Hautfarbe umgebracht.

Gerechtere Arbeitsbedingungen werden gefordert: Während im Durchschnitt eine Arbeitswoche von Frauen sich auf knapp 40 Wochenstunden beläuft, umfasst die der Männer im Schnitt nur 13,72 Arbeitsstunden. Hinzu kommen Familienarbeitsstunden, die die Frauen leiten. Diese Daten gelten laut Angaben des Forum permanente dos mulheres de manaus für mindestens 10 Länder Lateinamerikas. Gefordert wird bezahlbarer Wohnraum. In Manaus hat jede dritte Frau kein ausreichendes Einkommen. Die Lockerung der Arbeitsrechte auf Bundesebene und den Ausbau des Subunternehmertums gehen ebenfalls zu Lasten vieler arbeitender Frauen.

Transvestis und Transsexuelle kämpfen für eine Integration von Sexarbeit in den offiziellen Arbeitsmarkt. Religiöse Intoleranz ist ein weiteres Thema, das besonders Frauen betrifft, die afrobralianische Religionen wie Candomblé und Umbanda praktizieren. Allein 2017 wurden über 150 Anzeigen auf Grund von Gewalt wegen religiöser Intoleranz erstattet.

Einige fordern, die Privatisierung der halbstaatlichen Eletrobras zu stoppen, andere die Verschärfung des Abtreibungsrechts. Die Wasserprivatisierung von Manaus und ihre Folgen für Frauen wird thematisiert, mehr Kinderbetreuung, besserer Bildungszugang eingefordert.

Es fängt an zu regnen, aber das hält die Demo nicht auf. Die Reden vom Lautsprecherwagen tönen mitreißend herunter, es wird gesungen und getanzt. Die Frauen haben Power und Lebenslust, sie tragen lila, regenbogenfarben und wehren sich gegen Temer und den Ausbau eines Kapitalismus, der für viele von ihnen nur Ausbeutung und Unterdrückung bedeutet.

Artikelaktionen

Ex-VW-Mitarbeiter Heinrich Plagge in Brasilien verstorben

Einer der zwei wichtigsten Belastungszeugen im Fall der Kollaboration von VW do Brasil mit der brasilianischen Militärdiktatur ist vor wenigen Tagen verstorben.
Ex-VW-Mitarbeiter Heinrich Plagge in Brasilien verstorben

Heinrich Plagge. Foto: tutameia

Am 6. März ist Heinrich Plagge nach langer Krankheit in Brasilien verstorben.

Heinrich Plagge war ein aktiver Gewerkschafter, der bei VW do Brasil Ende der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre bei Volkswagen do Brasil im Werk in São Bernardo do Campo arbeitete. Am 8. August 1972 wurde er gegen 14 Uhr in das Büro des VW-Managers Ruy Luiz Giometti gerufen, wo neben Giometti zwei Unbekannte auf ihn warteten und ihn für verhaftet erklärten. Sie brachten ihn in das DOPS, von wo aus er nach 30 Tagen schwerer Folter in das Gefängnis Tiradentes verlegt wurde. Am 6. Dezember 1972 kam er frei, am 22. Dezember 1972, 16 Tage nach seiner Entlassung, erhielt er die Kündigung durch Volkswagen. Plagge fand danach keine feste Anstellung mehr, musste sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, bis er am 2. September 1974 erneut verhaftet wurde. Diesmal musste er länger, bis zum 3. Juni 1975, auf seine Freilassung warten. Die staatliche Amnestiekommission beurteilte in ihrer Entscheidung vom 23. September 2008 die 1972 durch Volkswagen vorgenommene Entlassung als „politisch motiviert“.

Plagge sagte im vergangenen Jahr vor der Bundesstaatsanwaltschaft von São Paulo im Fall der Frage der Kollaboration von Volkswagen do Brasil mit der brasilianischen zivil-militärischen Diktatur gegen VW do Brasil aus und beschrieb seinen Fall. Auch Heinrich Plagges Frau sagte bei dieser Gelegenheit beim Staatsanwalt aus: Sie berichtete, wie an jenem 8. August 1972 am Nachmittag ein höherer VW-Mitarbeiter zu ihr nach Haus kam und ihr mitteilte, ihr Mann habe kurzfristig für die Firma auf Dienstreise gehen müssen, daher habe er keine Zeit mehr gehabt, ihr dies mitzuteilen. Erst Monate später habe sie erfahren, wo Plagge war: im Folterzentrum DOPS. Diese Aussage deutet eindeutig darauf hin, dass hochrangige Mitarbeiter bei VW do Brasil nicht nur Kenntnis von der Verhaftung Plagges hatten, sondern ist ein sehr starkes Indiz für den Versuch des höheren Managements, die Taten der Militärdiktatur zu verschleiern.

Die Anfang November vergangenen Jahres in São Paulo anlässlich der Veröffentlichung des Berichts des Bielefelder Historikers Christopher Kopper von VW vertretene Einzeltäterthese ließ sich aber spätestens seit der Aussage der Ehefrau Plagges, die sich gesellt zu der des Ex-VW-Metallarbeiters Lúcio Bellentani, der ebenfalls bei VW verhaftet, dies im Beisein des VW-Werkschutzes, und von dort ins Folterzentrum DOPS verschleppt wurde, nicht mehr halten. Das höhere Management von VW do Brasil, das aus deutschen Staatsbürgern bestand, die aus Deutschland entsandt wurden und somit Wolfsburg direkt in São Paulo vertraten, wusste Bescheid.

Plagge wurde 79 Jahre alt. Eine Entschuldigung seitens Volkswagen hat er nicht mehr erlebt.