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„JBS steht für eine zunehmende Kette von Umweltzerstörungen“

Schmähpreisrede über JBS S.A., den weltgrößten Fleischkonzern der Welt, gehalten von Christian Russau, Vorstand Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre am 23. November 2019, Berlin, anläßlich der Dead Planet Award-Schmähpreisverleihung der Ethecon-Stiftung. KoBra dokumentiert die Rede.
„JBS steht für eine zunehmende Kette von Umweltzerstörungen“

Foto: Caro Kim

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Aktivistinnen und Aktivisten,

herzlichen Dank für die wiederholte Ehre, hier bei der ethecon – Stiftung Ethik und Ökonomie auch die diesjährige Schmähpreisrede zum „Dead Planet Award“ halten zu dürfen. Mein Name ist Christian Russau, ich bin Vorstandsmitglied des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

Gehen wir gleich direkt in medias res! JBS S.A. ist der weltgrößte Fleischproduzent der Welt. Keine Firma weltweit, so rühmt sich JBS, produziere mehr Proteine für die Ernährung der Menschen als sie. JBS ist also als Protein-Dealer Nr. 1 nach Nestlé der zweitgrößte Nahrungsmittelkonzern weltweit.

JBS hat seinen Hauptfirmensitz in São Paulo. Geführt und geleitet – und zu einem nicht geringfügigen Teil auch in deren Besitz – wird das Unternehmen durch den Firmengründer und leitenden Vorstand, José Batista Sobrinho, sowie dessen Söhne Joesley Mendonça Batista und Wesley Mendonça Batista.

JBS‘ Firmen-Gebaren zwingt uns, den dafür Verantwortlichen den diesjährigen Schmähpreis des „Dead Planet Award“ zuzusprechen.

Warum?

JBS steht für eine lange und zunehmende Kette von Umweltzerstörungen – direkt und indirekt, konkret wie symbolisch. Dazu kommen gravierende Verstöße beim Arbeitsrecht. Das Arbeitsministerium hat wiederholt Fälle von sklavenarbeitsähnlichen Zwangsverhältnissen der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Produktionskette von JBS aufgedeckt. Erinnern müssen wir auch an den immensen Anteil, den die weltweite Viehwirtschaft am CO2-Ausstoß hat, nach Angaben der Vereinten Nationen nämlich derzeit rund 15 Prozent. Zudem gab es eine Reihe von grundlegenden Mängeln bei Gesundheits- und Hygienestandards. Erinnern Sie sich an das Gammelfleisch von JBS, das letztes Jahr in Großbritannien entdeckt wurde, zurück nach Brasilien geschickt und dort umdeklariert wurde und so in den dortigen Handel kam?

Offenkundig umgeht, ignoriert und unterwandert JBS staatliche Bestimmungen zum Schutz von Umwelt und Menschen, dem natürlichem Gleichgewicht und der Gesundheit der Menschen. Angesichts der wiederholten Gesetzesbrüche muss man von einem diesbezüglich systemischen Ansatz in der Firma ausgehen.

2017 haben die Brüder Wesley und Joesley der Firma JBS eingestanden, mehr als 1.800 brasilianischen Politiker*innen mit mehr als 150 Millionen US-Dollar bestochen zu haben. So geht das wahrhaft schmierige Geschäft von JBS mit der Demokratie in Brasilien – und bringt diese letztlich in Gefahr.

Die größten Schäden richtet JBS damit an, dass es die so dringend in Brasilien benötigte Agrarreform nicht nur verlangsamt, sondern sukzessive stoppt und sogar ins Gegenteil verkehrt.

Lassen Sie mich dies kurz anhand der Problematik Amazonien sowie an der Problematik Agrarreform ausführen.

Sie alle haben im August dieses Jahres von der massiven Zunahme der Brände in Amazonien gesehen, gelesen, gehört. Die gezielt gelegten Brände haben sich allein Amazonien im Vergleich zum Vorjahr ersten Berechnungen zufolge verdoppelt. Sie müssen sich diesen Vorgang so vorstellen: Die Tropenholzmafia, die Fleisch- und Sojabarone, die illegalen Goldsucher, die bewaffneten Pistoleiros und die Auftragskiller sehen nun ihre Untaten als legitimiert an. Ihr „Hauptmann“, Jair Bolsonaro, ist nun schließlich Präsident Brasiliens. Ein Präsident, der sich für jede verbale Ungeheuerlichkeit sofort hergibt und mit ur-reaktionären Verbalinjurien nur so um sich schlägt. Die genannten Gruppen wähnen sich im Auftrag ihres Präsidenten, den Indigenen, den Quilombolas (afrobrasilianischer Bewohner*innen von Quilombo-Siedlungen, die damals von entflohenen Sklav*innen gegründet wurden), den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihr Land und deren Ressourcen zu stehlen. In Amazonien werden die Brände gezielt gelegt, auch in indigenen Territorien, und zwar von diesem Mafia-Triumvirat des Tropenholzes, des Agrobusiness‘ und der Goldgräber. Der Vorgang läuft meist so ab: Erst verbale Morddrohungen durch gedungene Pistoleiros, dann fällt die Holzmafia in die Gebiete ein und macht die lukrativen Objekte ihrer Begierde aus. Diese werden mit schwerem Gerät und unter bewaffnetem Einsatz illegal herausgeholt, dann werden zwei große Caterpillar mit mehrfach gehärtetem Stahlseil im Abstand von 50 Meter aufgestellt, und die Caterpillar ziehen das gewundene Stahlseil, den Correntão. Dieser reißt alles, aber auch jeden noch so dicken Stamm mit allem Wurzelwerk aus. Das lässt man drei, vier Monate liegen und austrocknen, dann wird alles gezielt in Brand gesetzt. Nach nur einigen kurzen Wochen danach wird Saatgut für capim, also Gras, ausgebracht, und ein paar Wochen drauf stehen auf diesen illegal gebrandrodeten Flächen Rinder. 80 Prozent der in Amazonien illegal gebrandrodeten Flächen erfolgen für die Rindviehhaltung.

Hier die Zahlen, was die Viehhaltung in Amazonien bedeutet: 1970 galt ein Prozent Amazoniens als gerodet, heute liegt dieser Wert bei 20 Prozent. Gab es in Amazonien im Jahr 2000 noch 47 Millionen Rinder, so sind es heute 85 Millionen Rinder. Dies entspricht 40 Prozent aller 219 Millionen Rinder Brasiliens. Es gibt in Brasilien also mehr Rinder als Einwohner*innen.

Und vor diesem erschreckenden Hintergrund wollen die Europäische Union und der Staaten des Mercosur ein Freihandelsbakommen verabschieden. Sollte dieses in der bislang bekannten Form verabschiedet werden, könnten die Mercosur-Länder je 180.000 Tonnen Zucker und Geflügel zollfrei in die EU exportieren und 99.000 Tonnen Rindfleisch mit einem Zollsatz von 7,5 Prozent. Diese Menge entspricht 1,3 Prozent der EU-Rindfleischproduktion. Und im Gegenzug kämen aus der EU, meist aus Deutschland, die SUVs der Automobilkonzerne, sollten wie geplant die Einfuhrzölle im Mercosur von der 35 Prozent deutlich gesenkt werden. Aus Umweltsicht wäre solch ein Deal eine einzige Katastrophe – für Mercosur wie für die EU. Mehr Rinder, die den Regenwald fressen, mehr Autos, die die Luft verpesten und für deren Produktion im Bergbau der dafür nötigen Rohstoffe Mensch die Umwelt zerstört wurde.

Noch einmal ausführlicher zur Frage, was hat die JBS-Fleischproduktion mit Amazoniens Wäldern zu tun? JBS rühmt sich, (auf Druck großer Umwelt-NGOs hin) ein Abkommen unterzeichnet zu haben. Darin verpflichtet sich der Konzern JBS, ab Oktober 2009 kein Fleisch aus illegal gebrandrodeten Flächen zu beziehen. Doch JBS wurde erwischt. Rinderherden aus illegal gerodeten Flächen waren umdeklariert worden, wie die Investigativjournalist*innen von Repórter Brasil wiederholt herausgefunden haben. Für das Jahr 2016 hat die NGO Global Witness aufgedeckt, dass dies in 20 Prozent der Produktion von JBS der Fall war. Wann, wenn nicht hier, muss man von einem Systemfehler reden?

Solche Verbrechen galten den brasilianischen Umweltbehörden bereits in der Vergangenheit allenfalls als Vergehen, die mit lächerlichen Umweltstrafen belegt wurden. JBS hat diese aus der Portokasse beglichen. Unter einer Bolsonaro-Regierung wird dergleichen noch ungleich weniger verfolgt, meist geschieht sogar das Gegenteil. Es ist dieses Geschäftsmodell von JBS, das zu einem Großteil der illegalen Brandrodungen in Amazonien mitverantwortlich ist.

Gestatten Sie mir eine kurze, aber für unseren Zusammenhang hier politisch wichtige Anmerkung. Wenn wir die Rodungen Amazonien brandmarken, so tun wir dies in erster Linie, weil es um den Schutz der dort lebenden Menschen, der Indigenen, der Quilombolas, der Flussanwohner*innen, der Kleinbäuer*innen, der Landlosen sowie der dortigen Biodiversität geht. Vielleicht wurde Ihnen in den vergangenen Monaten ähnlich ungemütlich zumute, als Sie bundesdeutsche Politiker über den dringenden Schutz Amazoniens als „Lunge der Welt“ haben reden hören.Das wäre an sich in Ordnung, wenn es nicht die selben Politiker wären, die weiter auf die deutsche Kohleverstromung setzen und mit Händen und Füßen das predatorische Modell des Fossilkapitalismus mit Klauen und Zähnen verteidigen würden. Und wir dürfen hier in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass JBS durch international agierende Banken mit großzügigen Krediten finanziert wird. Die gleichen Banken halten auch noch Aktienpakete an JBS. Für uns hier interessant: Stand April 2019 hat die Deutsche Bank Anteile an JBS in Höhe von elf Millionen US-Dollar gehalten und Kredittranchen an die Firma JBS in Höhe von 56,7 Millionen US-Dollar vergeben.

Lassen Sie sich nicht täuschen, wenn Ihnen Firmenvertreter, Importeure, Geschäftsparner*innen und Politiker aus Brasilien oder Deutschland weismachen wollen, wir hätten mit all dem hier gar nicht so viel zu tun. Denn: Es trifft zwar zu, dass nur ein Bruchteil des brasilianischen Rindfleisches nach Deutschland exportiert wird, der Großteil geht in den Nahen Osten, nach Russland, China und Hongkong. Es besteht aber ein immanenter Zusammenhang zwischen der überbordenden Sojaproduktion in der Trockensavanne des Cerrado mit den Rodungen Amazoniens für Rinderherden und mit unseren industriellen Tierfabriken. Und der geht so: Seit dem Sojamoratorium, das Greenpeace und andere mit brasilianischen Sojahändler*innen 2006 verabschiedet haben, darf kein Soja aus illegal gerodeten Flächen in Amazonien in den Handel der Beteiligten gelangen. Dies hat zuerst einmal zu einem Rückgang auf nur noch 0,25 Prozent der in Amazonien für Soja gerodeten Flächen geführt. Dies hat aber zur Folge, dass die Sojabarone in das riesige, an Amazonien angrenzende Ökosystem der Trockensavanne des Cerrado gezogen sind, und die dortigen Rinderfarmer*innen ihr Land an die Sojabarone veräußern. Mit dem Geld gehen die Rinderbarone dann wiederum nach Amazonien und setzen dort ihr Rinderbusiness fort. Ein Teufelskreis. Und das Sojamehl gelangt zu einem Großteil in europäische Tiermastanlangen – 56 Prozent des von Brasilien exportierten Sojamehl kommt in die EU. Ein in sich geschlossener Teufelskreis der zerstörerischen Mitverantwortung.

Daher kann die gegenwärtige Forderung eigentlich nur an das anschließen, was die Indigenen Völker Amazoniens seit Langem sagen: Der nationale Zusammenschluss der Indigenen Völker, APIB, namentlich deren Sprecherin Sônia Guajajara, hat schon Ende Dezember 2018 einen internationalen Boykott der Produkte der brasilianischen Agrarindustrie forderte. Da die EU eine der größten Abnehmerinnen brasilianischer Agrarprodukte sei, so Guajajara damals, „muss die EU für die sozialen und umweltbelastenden Konsequenzen ihrer Handelspolitik geradestehen und folgerichtig Produkte boykottieren, die aus Konfliktgebieten kommen, wie Soja aus dem mittleren Westen Brasiliens“. Andernfalls würde „die EU sich dem Genozid an Völkern und Kulturen gegenüber blind stellen“, so Guajajara. Schon seit Jahren sind es vor allem die indigenen Guarani-Kaiowá, die einen Boykott des tödlichen brasilianischen Agrobusiness‘ fordern, weil es indigenes Blut an den Händen habe.

Ich komme jetzt zu meinem letzten, aber dem meines Erachtens nach mit am wichtigsten Punkte, warum JBS den Schmähpreis des diesjährigen „Dead Planet Award“ verdient: zur bereits erwähnten Agrarreform. Was hat JBS damit zu tun, werden Sie sich fragen.

JBS ist der weltgrößte Fleischproduzent und ist konkret und symbolhaft, direkt und indirekt mitverantwortlich für den Skandal, die in Brasilien so dringend nötige Agrarreform gezielt zu verhindern. Das geschieht in einem Land, in dem eine extrem ungleiche Landverteilung herrscht, wo etwa zehn Prozent der Bevölkerung rund 80 Prozent des Landes besitzen und gleichzeitig 4,8 Millionen Familien dringend auf Land warten. In solch einem Land wie Brasilien wirkt sich weniges so fatal auf die Agrarreform aus wie ein übermächtiges System kapitalistischer Aufkäufer von Fleisch. Deren Fleischfabriken kontrollieren den Markt und diktieren den Preis , um die Kleinbäuerinnen und -bauern und Kleinproduzent*innen gezielt schlechter zu stellen und sie aus dem Markt zu drängen. Dies geschieht über Verträge mit den Großproduzenten, die sich oft das Land historisch schon lange angeeignet haben – sei es durch gezielte Drohungen, Landtitelfälschungen oder durch schlichte Marktmacht. Ein Konzern wie JBS zementiert in solch einem auf Latifundien beruhenden Aufkaufsystem den Status Quo der ungerechten Landverteilung. Zeitgleich erfolgen gezielte Wahlkampfspenden sowie Bestechungen von Politikern, damit diese die Landreform ganz im Sinne des Agrobusiness‘verschleppen, verlangsamen, gar verhindern und ins Gegenteil verkehren. Wenn es ein Symbol der gegen jedwede Agrarreform gerichteten reaktionären Wirtschaftselite in Brasilien gibt, dann ist dies JBS. Insofern sind die drei Herren – José Batista Sobrinho, sowie dessen Söhne Joesley Mendonça Batista und Wesley Mendonça Batista – derart unwürdig, dass sie würdig genug sind, um den diesjährigen „Dead Planet Award“ zugesprochen zu bekommen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.