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Was sind Straßenkinder?

Nahezu jeder kann sich unter „Straßenkind“ etwas vorstellen. Fragt man jedoch, was ein Straßenkind genau ist, sehen die Beschreibungen doch recht unterschiedlich aus.

Den einen fällt vor allem ein Bedrohungsszenario durch Jugendbanden ein, die Waffen schwingend Strandurlauber überfallen, für andere überwiegt ein Bild geprägt vom Mitleid mit armen, verlassenen und unterernährten Kindern.


Wenige jedoch zeichnen ein differenziertes Bild von Kindern und Jugendlichen, die einen eigenen Weg gewählt haben und auf Notlagen wie etwa Familienarmut oder innerfamiliäre Gewalt reagieren. Dabei geraten die Kinder und Jugendlichen häufig in neue Schwierigkeiten, zumeist wiederum in Form von Armut und Gewalt. Keines der Extreme – von Straßenkindern als Kriminellen oder als bemitleidenswerten Opfern – ist ganz falsch. Aber eben auch nicht ganz richtig.

Das Bild von Straßenkindern ist einerseits geprägt von nach Sensationen heischenden Medien und einer generalisierten Angst in der brasilianischen Öffentlichkeit, in der die kriminelle Bedrohung zum Alltag gehört. Andererseits ist es beeinflusst durch eine „Straßenkinderindustrie“, die das stereotype Bild eines umfassend hilfsbedürftigen Straßenkindes zur Spendengenerierung für jedwede Art von Kinder- und Jugendhilfeprojekten vor allem (aber nicht nur) in Schwellen- und Entwicklungsländern nutzt.

Dabei gab und gibt es durchaus Versuche, den Begriff des Straßenkindes genauer zu definieren. So hat sich weitgehend eine Unterscheidung (zunächst durch UNICEF) durchgesetzt, die Kinder der Straße (Meninos de Rua) von Kindern auf der Straße (Meninos na Rua) abgrenzt. Während im Leben von Kindern auf der Straße der Sozialraum Straße als Ort der Arbeit und Freizeit eine große Rolle spielt, sie jedoch bei ihrer Familie – zumeist in einer Favela – leben, haben Kinder der Straße, also Straßenkinder im engeren Sinne, weitgehend mit dem Leben in der Familie gebrochen. Für sie ist der Sozialraum Straße nicht nur Ort wirtschaftlichen Überlebens (Betteln, Gelegenheitsarbeit, Kriminalität, Prostitution etc.) und der Freizeit, sondern bildet den Lebensmittelpunkt. Ein Großteil der Sozialkontakte entsteht und besteht auf der Straße und selbst der Schlafplatz hat sich dorthin verlagert.

Auch diese Unterscheidung ist nicht unumstritten, denn, so der Vorwurf, die Bezeichnung Kind der Straße impliziere, dass ein Kind immer auf der Straße bleibe. Da jedoch alle Alternativen entweder schwer handhabbar sind (Crianças e Adolescentes em Situação de Rua; Kinder und Jugendliche in Situation, auf der Straße zu leben), bzw. neue Unschärfen schaffen (Crianças e Adolescentes em Situação de Vulnerabilidade de Direitos; Kinder und Jugendliche in der Situation der Verletzbarkeit ihrer Rechte), kann die hergebrachte Unterscheidung in Kinder der Straße, als Straßenkinder im engeren Sinne und Kinder auf der Straße, als Straßenkinder im weiteren Sinne, eine Grundlage für eine weitergehende differenzierte Betrachtung schaffen.

Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass das Leben auf der Straße immer einer Dynamik unterliegt und wir uns hüten müssen, eine einmal getroffene Zuschreibung als unumkehrbar zu betrachten. Andererseits darf man hierbei nicht dazu verleitet werden, Straßenkinder als losgelöstes Phänomen ungeachtet der politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Ursachen zu betrachten. Wenn von Straßenkindern die Rede ist, ist immer auch von Politikversagen, Armut, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Landflucht, Diskriminierung und Ausschluss die Rede.

 

Dieser Artikel erschien in der Brasilicum Sonderausgabe Straßenkinder in Brasilien; November/Dezember 2007 (164/167)

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