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Überlebensstrategien zwischen Viktimisierung und Kriminalisierung

Wenn von Straßenkindern gesprochen wird, so geschieht dies oft in der Absicht, deren umfassende Hilfsbedürftigkeit herauszustellen. Dabei wird oft übersehen, dass diese vordergründige Hilfsbedürftigkeit nur ein Aspekt ist, der überdeckt, dass Straßenkinder häufig ganz andere Kompetenzen entwickelt haben, die es ihnen ermöglichen, im alltäglichen Überlebenskampf zu bestehen. Es ist schwer, von dem typischen Straßenkind zu sprechen. Die Biographien von Menschen, die mehr oder weniger die Straße als Lebensraum benutzen, können sehr verschieden sein.

Viele haben ihr Zuhause verlassen, um nur noch selten dorthin zurückzukehren. Andere leben noch zeitweise bei ihren Familien. Selten ist die Beziehung zu der Familie vollständig abgebrochen. Dann gibt es Kinder, die auf der Straße ihren Ursprung haben, die also wirklich „aus der Gosse stammen“. Ihr Zuhause sind die Straße und eine Gruppe von Menschen, die ihnen Schutz bietet. Manche jedoch verbringen lediglich einen Teil der Zeit auf der Straße, um neben der Schule zu arbeiten.

Doch auch Straßenkinder, die wirklich auf der Straße leben, würden sich kaum in den Schilderungen armer verwaister Kinder wiederfinden, wie sie manchmal zu lesen sind. Denn diese Schilderungen werden der Art und Weise, wie sie die täglichen Herausforderungen meistern, nicht gerecht.

Diese Kinder und Jugendlichen leben vor allem in brasilianischen Großstädten. Dort müssen sich noch sehr junge Menschen alleine um die Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse – Nahrung, Kleidung, Medikamente, Schlafplatz – aber auch persönlichen Schutz kümmern. Das dürfte allein kaum möglich sein. Deswegen sind dort viele Gruppenbildungen von Kindern und Jugendlichen vorzufinden. Die Gruppe dient dem Austausch wichtiger Informationen, sie ist stärker und bietet Schutz vor Gefahren, die z.B. von anderen Menschen ausgehen können. Auch kriminelle Aktionen einer Gruppe können ergiebiger sein als die von Einzelnen. Wenn die Gruppe ein Verteilungssystem besitzt, kann ein Mitglied etwas zu Essen bekommen, obwohl nur ein Anderer etwas besorgen konnte oder bekommen hat.

Uwe von Dücker beobachtete Kinder, die erlebte Traumata selbst therapierten. Vor dem Einschlafen erzählten sie sich immer wieder ihre Geschichten, wobei es sich meistens um von Erwachsenen zugefügte seelische oder körperliche Verletzungen handelte. Da sie von anderer Seite keine Hilfe bekamen, begannen sie damit, sich selbst zu helfen. Aber wann beginnt ein Kind oder Jugendlicher sich selbst helfen? Vielleicht fängt es schon damit an, wenn das Kind oder der Jugendliche sein Zuhause verlässt und woanders zu leben bevorzugt. Dies soll im Übrigen auch vor allem bei Jugendlichen in Deutschland der Fall sein.

Um auf der Straße existieren zu können, ist es nicht ausreichend zu betteln. Die Stigmatisierung schiebt die Kinder in eine dunkle Ecke, so dass nicht mehr ihre Hilfebedürftigkeit für Außenstehende im Vordergrund steht, sondern ihre Gefährlichkeit. Oft wird ein in gewisse Vorurteile passendes Kind gemieden, bevor es eine kriminelle Handlung begangen hat.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Kind hat gerade sein Zuhause verlassen und steht plötzlich alleine da. Es sieht sich allen erdenklichen Gefahren ausgesetzt, hinzu kommen Hunger und Müdigkeit. Was soll es jetzt machen? Vielleicht geht es in ein Restaurant oder einen Schnellimbiss, um etwas Essbares zu erbitten. Doch es ist nicht selbstverständlich, dass es damit Erfolg hat. So wird sein Hunger möglicherweise nicht gestillt. Was dann? Maria Filomena Gregori, die Anfang der 90er Jahre auf den Straßen von São Paulo Feldforschungen betrieb, nennt die Fähigkeit, auf der Straße zu überleben, viração. Damit bezeichnet sie die Fähigkeit, im richtigen Moment die nötigen Strategien so einzusetzen, dass das erwünschte Ziel erreicht wird.

Auch Rosa Maria Fischer Ferreira kam Ende der 70er Jahre zu ähnlichen Ergebnissen: Auf der Straße muss das Kind mit seinen Freunden, aber auch mit der Polizei, dem Drogenhändler, der Freundin und Prostituierten zurechtkommen. Jeder von diesen verlangt eine andere Behandlung. Außerdem könnte plötzlich jemand in einer anderen Rolle auftreten: z. B. könnte sich ein Freund an einem anderen Ort als Polizist verhalten. Deswegen, meint Fischer Ferreira, benötigten die Kinder ein großes Repertoire an Fähigkeiten und Verhaltensmustern.

Versagen Familie und Schule in ihrer Aufgabe, für das soziale und materielle Überleben notwendige Strategien zu vermitteln, so hören Menschen trotzdem nicht auf zu lernen. Andere Sozialisationsinstanzen wie Polizisten, Geschäftsleute u.a. und solche, die sich in derselben Situation befinden, übernehmen diese Rolle. Kinder und Jugendliche müssen einiges leisten, um unter Bedingungen zu überleben, denen ausgesetzt zu sein der Rest der Gesellschaft fürchtet.

Soll Straßenkindern also auf ihrem Lebensweg geholfen werden, gilt es zunächst herauszuarbeiten, über welche Kompetenzen bei der Bewältigung eigener Probleme diese Straßenkinder verfügen. Sie müssen in diesen Kompetenzen gestärkt und in die Lage versetzt werden, erfolgreich ihr Leben zu meistern, anstatt bevormundet zu werden.

Dieser Artikel erschien in der Brasilicum Sonderausgabe Straßenkinder in Brasilien; November/Dezember 2007 (164/167)

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