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Vertreibung durch WM-Flughafenausbau

Ein Testimonio von Gunther Oscar Banach und Roseli Aparecida Reinaldi, Vila Nova Costeira, São José dos Pinhais, Curitiba, über die ihnen angedrohte Räumung aus ihrem Haus wegen der für nächstes Jahr im Land anstehenden Fußballweltmeisterschaft.
Vertreibung durch WM-Flughafenausbau

Photo: Comitê Popular da Copa Curitiba

Vor mehr als 20 Jahren erhielten Gunther Oscar Banach und Roseli Aparecida Reinaldi von den örtlichen Behörden das Wohnrecht. Nun sollen die Anwohner_innen dem Bau der dritten Landebahn des Flughafens Afonso Pena des WM-Austragungsort Curitiba weichen. In dem Haus des Ehepaars wohnen zusammen zehn Personen. Sie wissen nicht, wann sie geräumt werden und nicht wohin. Das Testimonio erfolgte im Mai 2013.

Gunther: „Wir erfahren nichts Genaues. Wir wissen nicht, ob wir umgesiedelt werden, und wenn ja, wohin? Wohin werden sie uns verfrachten? Die Flugaufsicht Infraero sagte, da muss eine Straße weg. Aber schaut man sich das genauer an, dann muss da ein ganzer Stadtteil weg. Die Präfektur macht nichts für uns: keine Post, gar nichts. 1992 erteilten die Behörden uns die Wohnberechtigung hier. Und wir hatten die ganze Mühe, weil hier gab es nichts. Wir mussten hier arbeiten, um überhaupt was bauen zu können. Jetzt kommt die Infraero und sagt, wir dürften hier nichts mehr ändern, da sie alles schon gemessen und fotografiert hätten – und Sie sehen ja, wie es hier aussieht. Wir wissen einfach nicht, wie es weitergehen wird.“
Roseli: „Ich halte hier in meinen Händen das Dokument vom damaligen Bürgermeister Moacir Piovesan, das uns den Grundbesitz hier bestätigt. Er gab uns das, unterzeichnet, 1992. Seither sind wir hier und nun mit all diesem Irrsinn der dritten Flugpiste, wissen wir nicht, wohin, was geschehen wird, ob sie uns in Geld auszahlen? Oder einen anderen Ort geben. Für einen anderen Ort bezahlen, nur damit wir dort ein Loch vorfinden, nein, das geht nicht! Wir brauchen einen Ort, wo es eine Schule gibt, Omnibus. Als wir hier ankamen, war hier nur Gestrüpp. Das Wasser holten wir uns von da unten. Das brauchten wir für den Bau hier. Wir haben hart und viel gearbeitet, um unser Haus hier zu bauen. Und dann erhalten wir die Nachricht und sie kommen her und messen und filmen, und wir waren einfach nur überrascht. Der Mann, der filmte, sagte 'Euer Problem wird schon gelöst werden, aber ihr werdet hier wegmüssen.' Aber er sagte nicht, wann, wie, gar nichts. Dann kamen wieder welche zum Rummessen, und ich bin da hin und fragte sie, und sie sagten: ‘Ihr werdet hier wegmüssen, da muß der Gouverneur nur noch seinen Stempel druntersetzen. Ist das erfolgt, dann werdet ihr sofort enteignet.' Wir wissen, dass das kommt, wenn wir auf die Landkarte schauen, aber wir wissen nicht, wann. Ich habe nicht mehr die Kraft so wie damals zu schuften, ich habe nicht mehr die Konstitution dafür. Warum auch? Damit ich meine Familie auf die Straße gesetzt sehen werde?“
Gunther: „All das hier haben wir gemacht. Sogar die Bürgersteigkante zur Begrenzung des Aphalts haben wir selbst gemacht. Den Asphalt der Straße haben wir selbst bezahlt. Die Leitungsrohre haben wir gekauft. Die Behörden haben hier gar nichts gemacht. Alles hier aus unserer Tasche. Und wenn sie uns jetzt von hier vertreiben, dann müssen sie uns auch entsprechend entschädigen, um einen gleichwertigen Ort mit Verkehrsanbingung zu bekommen, so wie hier heute. Auge um Auge muss es gehen. Sie müssen uns einen Betrag geben, der richtig entschädigt und dafür ausreicht, an einem anderen Ort bleiben zu können. Wir können hier nicht so in der Schwebe bleiben! Das alles ist sehr schwer.“
// Comitê Popular da Copa Curitiba. Gekürzte Übersetzung: Felipe Bley Folly und Christian Russau

Entnommen und übersetzt aus dem Video "Copa para quem? Para Gunther e Roseli não...", erstellt von Comitê Popular da Copa Curitiba, 08.Mai 2013.

Dieses Testimonio erscheint in gekürzter Form auch in dem neuen Gemeinschaftsdossier der Lateinamerika Nachrichten und der Rosa Luxemburg Stiftung unter dem Titel "Im Schatten der Spiele. Fußball, Vertreibung und Widerstand" in der Lateinamerika Nachrichten-Ausgabe 471/472, September - Oktober 2013.