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"Sie reißen die Häuser einfach binnen 15 Tagen ein"

Ein Bericht über einige der vielen Räumungsandrohungen für Bewohner ärmerer Wohngegenden in Brasilien wegen der für nächstes Jahr im Land anstehenden Fußballweltmeisterschaft. Hier der Fall von Camaragibe, Recife, Bundesstaat Pernambuco.
"Sie reißen die Häuser einfach binnen 15 Tagen ein"

Dilce Feitosa ist aktiv beim Basiskomitee zur WM in Recife, Pernambuco. Das Testimonio erfolgte im April 2013 im Rahmen der öffentlichen Anhörung in Recife.

"In der Rua Girassol fing der Druck seitens der Firma und der von der Regierung beauftragten Unternehmsberatung im Jahre 2011 an. Da war die Anweisung dann, dass 600 Familien von dort zu verschwinden hätten. Die Anwohner haben sich zusammengeschlossen und sich zur Wehr gesetzt; der Stand derzeit ist, dass die Pläne überprüft werden. Die Regierung des Bundesstaates wollte drei Zugangsstraßen bauen, direkt durch 600 Häuser in Gegend von Girassóis. Das hat die Regierung nun aufgegeben. Aber dieser Entschluß stammt aus der Zeit, bevor die Gegend als im öffentlichen Interesse deklariert wurde (das war noch in 2012), so dass es nun keine hundertprozentige Garantie gibt, dass sie den Plan nicht wiederbeleben.

In der comunidade São Francisco geht es um 151 Häuser mit 800 Familien in der gleichen Situation von Angst und Druck. Am 28. Oktober 2012 wurden sie darüber informiert, dass sie ihre Häuser bis Ende des Jahres räumen müssten. Dort ginge dann der Ost-West-Korridor lang. Die Firma Consultoria Diagonal versprach ihnen Anwälte, Psychologen zur Betreuung der Senioren und dass sie gerecht und zu Marktpreisen entschädigt werden würden. Zur Zeit verhandelt die Diagonal mit ihnen und einige Häuser wurden schon zertrümmert. Die Bewohner sehen nun, dass die angebotenen Preise in keiner Weise passen, da sich die Preise verdreifacht haben – und die Anwohner sind in Panik. Die angebotenen Gelder liegen deutlich unter dem Erwarteten. Als eine Dame die Höhe ihrer Entschädigung erfuhr, da ist diese Frau gestorben.

Sie sagen, sie werden die Enteignung schnellstmöglich umsetzen. Die vier Häuserblöcke entlang der Metrostation von Camaragibe sind durch Aufkleber bereits markiert. Sie taxieren den Wert der Häuser anhand der Fotografien. Sie bedrohen die Familien, die nicht zugestimmt haben, als ihnen viel zu geringe Beträge angeboten wurden.

Auf der anderen Seite haben wir hier in Camaragibe wenig freien Wohnraum bei gleichzeitiger Immobilienwertsteigerung und einer Explosion der Mietpreise. Das ist dann echt schwierig für die Familien – und der Staat gibt den Familien keine Informationen darüber, wie es gemacht wird oder wohin sie gehen können. Sie reißen die Häuser einfach binnen 15 Tagen ein.

Ein anderer Fall ist der von 105 Häusern, die in der Avenida Belmino Correia enteignet werden, aber anders als in der Gegend São Francisco haben dort die Händler und Anwohner Transparente zum Protest rausgehängt und gesagt, dass sie das Angebot des Staates nicht annehmen wollen. Sie akzeptierten eine öffentliche Anhörung, aber als sie dort ankamen, fand die nicht statt. Es wurde ein neuer Termin vereinbart – und auch der fand nicht statt. Die Präfektur von Camaragibe, die Vorgängerpräfektur, sagte, sie wüßte von gar nichts und dass die spezifische Behörde DER dafür zuständig sei.

In der comunidade Viana befanden sich kleine Baracken über einer Gastransportleitung und die Häsuer sollten abgerissen werden und die Bewohner warteten auf die Hilfsmaßnahmen. Aber weil der Staat sich nicht mit Petrobras anlegen wollte, haben sie den geplanten Verlauf geändert, und nun trifft es die comunidade von São Francisco – die Mehrheit der Leute dort hat die Dokumente und Schriftsätze, die ihr dortiges Eigentum dokumentieren.

Auf der anderen Seite ist die comunidade Aldeia, eine ländliche Gegend von Camaragibe. Die Gegend sollte Teil werden des Projektes Arco Metropolitano, das sieben bis acht Städte der Metropolitanregion von Recife verbinden sollte. In Camaragibe würde es durch ein Naturschutzgebiet gehen. Die Bewohner setzten sich zur Wehr und setzten bei der Regierung durch, dass das nicht mehr geschehen soll.“

// Comitê Popular da Copa em Pernambuco

Übersetzung Christian Russau

Weitere Testimonios werden in gekürzter Form auch in dem neuen Gemeinschaftsdossier der Lateinamerika Nachrichten und der Rosa Luxemburg Stiftung unter dem Titel "Im Schatten der Spiele. Fußball, Vertreibung und Widerstand" in der Lateinamerika Nachrichten-Ausgabe 471/472, September - Oktober 2013, erscheinen.