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Ohne Vorwarnung das Haus abgerissen

Francisca de Pinho Melo, comunidade Restinga, im Stadtteil Recreio dos Bandeirantes, Rio de Janeiro, lebte und arbeitete in der comunidade Restinga, im Stadtteil Recreio dos Bandeirantes, Rio de Janeiro. Wegen der in Rio anstehenden Großevents wie Fußballweltmeisterschaft und Olympische Spiele wurden 2010 153 Familien der comunidade Restinga geräumt.
Ohne Vorwarnung das Haus abgerissen

Photo: A Pública

Ohne vorherige Ankündigung kamen die Bulldozer und Beamte der Stadtbehörde und rissen die Häuser und Geschäfte der Familien ein. Die Behörde argumentierte, dass dort die Avendia das Américas für den Bau der Schnellbuslinie BRT Transoeste erweitert werden müsse. Das Testimonio erfolgte am 17. Dezember 2010.

„Ich sah, wie die Maschine mein Tor zertrümmerte. Ich wollte da reingehen, aber ein junger Mann, der drot mit ihnen werkelte, hielt mich zurück. Ich versuchte es zwei Mal, aber er ließ mich nicht. Ich wollte da rein, um mich dann vor die Tür zu stellen und zu sehen, ob ich sie nicht stoppen könnte. So naiv war ich...
Es war ganz spontan von mir, nach der Vorhängekette zu greifen, um abzuschließen, ich dachte, sie würden vielleicht aufhören und mit mir und den anderen Bewohnern reden. Vielleicht so den Abriss zu stoppen... von unseren Häusern, den Geschäften, von all dem. So stand ich da, aber meine Schwester und meine Tochter schrien, ich solle da weggehen. Und dann kamen sie und fingen an, alles abzureissen. Da wußte ich nicht mehr, was tun? Meine Tochter hielt mich zurück, denn ich wollte ins Haus rein, die Tür hinter mir abschließen und dort alleine bleiben. Als ich die Verzweiflung meiner Tochter und meiner Schwester sah, gab ich auf. Ich bin dann nur kurz rein, habe ein paar Unterlagen geholt und wir gingen zum Haus meines Bruders. Ich war im Schockzustand, musste weinen ohne Unterlaß. Warum all das, warum nehmen sie den Leuten ihr Haus weg, für das sie so lange sich aufgeopfert hatten?
Seit sechs, sieben Jahren hatten wir in einer kleinen Schreinerei. Ich, meine Schwester, meine Tochter und noch einige weitere Verwandte arbeiteten dort. Unser Einkommen war gut, wir kamen über die Runden. Aber nachdem das mit dem Abriss geschehen war, haben wir drei Monate gar nichts mehr verdient. Wir wohnten dann zur Miete. Das Schwierigste, das sind die Kinder. Es ist schwer, dein Kind zu sehen, wie es dich um etwas bittet. Meine Freunde, Verwandten, Nachbarn spendeten uns eine Tür, eine Veranda und nun verkaufe ich da was zum Essen, Sandwiches, Erfrischungsgetränke. Ich arbeite jetzt 18 Stunden am Tag. Ich habe alles verloren, mein Haus, meine Arbeit, die Einkommensquelle meiner Familie. Es ist am Schlimmsten für diejenigen, die am gleichen Ort gewohnt und gearbeitet haben, denn die haben nichts bekommen.“
// A Pública. Gekürzte Übersetzung: Christian Russau

Entnommen und übersetzt aus A Pública

Dieses Testimonio erschien in dem Gemeinschaftsdossier der Lateinamerika Nachrichten und der Rosa Luxemburg Stiftung unter dem Titel "Im Schatten der Spiele. Fußball, Vertreibung und Widerstand" in der Lateinamerika Nachrichten-Ausgabe 471/472, September - Oktober 2013.