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"Brasilien hat das soziale Potenzial der WM 2014 nicht genutzt"

Auf Einladung von terre des hommes Schweiz hielt Argemiro Ferreira de Almeida im Basler Sportmuseum einen Vortrag über die soziale Ausgrenzung im Vorfeld der Fussball-WM 2014. Zuvor sprach er mit der bz Basel über die zentralen Probleme rund um die WM.
"Brasilien hat das soziale Potenzial der WM 2014 nicht genutzt"

Herr Ferreira de Almeida,was führt Sie aus Brasilien hierher?
Ich bin auf Einladung von Terre des Hommes Schweiz hier in Basel. Einerseits werde ich an der Museumsnacht im Sportmuseum auftreten, andererseits kann ich hier Gespräche mit unseren Unterstützern führen.

Sie sind Mitglied des WM-Bürgerkomitees des Spielortes Salvador. Was muss man sich darunter vorstellen?
Es handelt sich dabei um ein Netzwerk verschiedener grosser sozialer Bewegungen. Mit dabei sind aber auch Einzelpersonen – das sind Akademiker, Menschenrechtler. Jeder Spielort hat ein solches Komitee. Es handelt sich allerdings nicht um eine offizielle Organisation, da wir keine Statuten haben.

Wie funktionieren die WM-Bürgerkomitees?
Unser Einsatz basiert auf freiwilligem Engagement. Unser wichtigstes Kommunikationsinstrument ist das Internet. Wir kommunizieren beispielsweise fast ausnahmslos über Skype. Unsere Kernmotivation ist es, die sozialen Probleme rund um die Fussball-Weltmeisterschaft zu erkennen und die Situation zu verbessern. Es ist wichtig, aufzuzeigen, dass die Probleme alle Spielorte betreffen, also gemeinsam sind. Deshalb gibt es zusätzlich auch das nationale Netzwerk der WM-Bürgerkomitees aller Austragungsstädte – das ist im Prinzip unsere Dachorganisation, wo ich als Vertreter des WM-Bürgerkomitees von Salvador ebenfalls Mitglied bin.

Was sind die konkreten Probleme rund um die WM?
Es gibt drei hauptsächliche Punkte: Erstens geht mit der WM eine Unsichtbarkeit der sozialen Probleme einher. Alles konzentriert sich auf den Fussball und die dafür notwendigen Bauten. Zweitens verursacht die WM vor allem bei den Ärmsten der Armen Probleme. Sie werden zwangsweise umgesiedelt, um Platz für Neubauten zu schaffen. Zudem wird der öffentliche Transport, der jetzt schon schlecht funktioniert, an den Spieltagen für sie komplett zusammenbrechen. Drittens werden riesige Geldbeträge, Milliarden von Real, aus der öffentlichen Hand einzig für diesen Mega-Event ausgegeben.

Bestehende Probleme werden also durch den Weltfussballverband Fifa verstärkt und neue hervorgerufen?
Genau. Mich stört auch ganz besonders, dass der Staat der Fifa eine Defizitgarantie ausgestellt hat. Sollte der Fifa also mit der WM in Brasilien ein Verlust entstehen, werden weitere Gelder der öffentlichen Hand benötigt werden, um diesen zu decken. Zudem hat der Staat der Fifa weitere Zugeständnisse gemacht.

Das heisst?
Der Staat hat für die Fifa Gesetze ausser Kraft gesetzt und sogar eigene geschaffen. Es gibt ein WM-Gesetz, das auch tatsächlich so benannt wurde. Darin ist auch die Defizitgarantie geregelt. Zusätzlich schränkt es die freie Bewegung der Bevölkerung während der WM ein. Der Staat spricht der Fifa Sonderzonen zu – ich würde diese allerdings eher als Ausgrenzungszonen bezeichnen.

Also ‹Ausgrenzungszonen› gegen die Bevölkerung?
Richtig. In einem Umkreis von zwei Kilometern rund um die Fifa-Zonen. Zu diesen gehören unter anderem die Stadien, die Fifa- und Mannschaftshotels oder auch die Fanzonen. Das ist für die Bevölkerung eine grosse Einschränkung. So dürfen in diesen Sonderzonen keine Produkte gehandelt werden, die nicht in einem Sponsoring-Verhältnis zur Fifa stehen. Damit wird der Strassenhandel, der in Brasilien eine grosse Tradition hat, stark eingeschränkt. Dieses Beispiel verdeutlicht die Perversität dieses WM-Gesetzes: Den Kleinhändlern wird damit die Grundlage ihres Lebensunterhalts entzogen.

Sie haben jetzt sehr viel über die Probleme gesprochen. Bietet denn die WM auch Chancen für Ihre Heimat?
Natürlich hätte ein Event dieser Grössenordnung ein enormes Potenzial an Chancen für unser Land gehabt. Allerdings ist es bereits zu spät, dieses Potenzial zu nutzen. Die Organisation der WM ist bereits zu weit fortgeschritten, als dass daraus noch etwas werden könnte. Brasilien hat eine grosse Chance verpasst.

Wie meinen Sie das?
Die Bauten der WM-Stadien und der benötigten Infrastrukturen sind stark im Verzug. Dasselbe gilt auch für die Erneuerung des Transport- oder des Kommunikationssystems. Deshalb kann sich unsere Regierung auch nicht auf politische Chancen im Zuge der WM konzentrieren. Das Einzige, was jetzt noch zählt, ist, all diese Dinge rechtzeitig fertigzustellen.

Wieso kommt es zu diesen Verzögerungen?
Dahinter steckt eine klar ersichtliche Strategie der Grosskonzerne. Wenn die Bauten langsam vorwärts kommen, wird die Regierung nervös. Entsprechend können die Baukonzerne die Preise steigern. Dass das überhaupt möglich ist, ist für mich unverständlich. Als 2007 bekannt wurde, dass wir die WM ausrichten dürfen, habe ich mich, wie alle anderen, gefreut. Ich habe an die Chancen dieses Anlasses geglaubt. Aber leider ist uns die Zeit davongelaufen.

Was können Sie mit dem WM-Bürgerkomitee noch erreichen?
Für uns ist es vor allem wichtig, die Probleme sichtbar zu machen. Das erreichen wir hauptsächlich durch die Presse und durch internationale Organisationen, die auf unsere Anliegen aufmerksam werden. So hat beispielsweise die UNO-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen die Vereinten Nationen auf den Missstand der Zwangsumsiedlungen im Rahmen der WM aufmerksam gemacht. Und genau diese Öffentlichkeit ist für uns ganz wichtig. Das hat den Effekt, dass unsere Verhandlungsmacht für unsere Anliegen gestärkt wird.

Welchen Beitrag kann da eine Schweizer Hilfsorganisation leisten?
Da gibt es zwei Ebenen: Erstens gibt uns diese Zusammenarbeit einen weiteren Verbündeten für internationale Öffentlichkeit. Wir erhalten dadurch auch eine zusätzliche Perspektive von aussen. Das ist eine gute Ergänzung und sehr wichtig. Zweitens geht es natürlich auch um konkrete finanzielle Unterstützung. Diese ermöglicht uns erst, dass wir Treffen arrangieren und Veranstaltungen durchführen können. Zudem fordert uns diese Zusammenarbeit mit Terre des Hommes Schweiz auch heraus: Wir wollen unbedingt etwas aus der Unterstützung, die wir aus der Schweiz erhalten, machen. Und es motiviert uns zu sehen, dass wir mit unserem Engagement nicht alleine sind.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Terre des Hommes Schweiz?
Diese ist sehr reich und vielseitig. Ich habe mich sehr über die Einladung nach Basel gefreut. Das ist eine gute Möglichkeit, um neue Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen, Inputs mitzunehmen.

Auch im Dialog mit den Besuchern der Museumsnacht?
Genau. Ich will den Besuchern vermitteln, dass rund um die WM vor allem eine Illusion vermittelt wird. Wenn ich das rüber bringen kann, bin ich schon zufrieden.

Können Sie sich denn überhaupt auf die WM freuen?
Ich kann mich der Freude, die dieses Fussballfest auslösen wird, ganz sicher nicht verschliessen. Fussball steht für uns Brasilianer auf ein und derselben Stufe wie die Religion. Fussball ist bei uns Kunst. Es ist aber leider wie bei jeder Form der Kunst: Sie verliert ihre Unschuld, ihre Aura, sobald sie vom Kommerz dominiert wird.

 

Das Interview erschien am 17. Januar 2013 in der Basellandschaftliche Zeitung. Es führte Dean Fuss. Foto von Kenneth Nars.

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