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Eine WM für alle wird es nicht geben!

Interview mit Cláudia Fávaro (Aktivistin im WM-Basiskomitee Porto Alegre) über die Arbeit der Basiskomitees und warum der Slogan eine "WM für alle" nicht mehr aktuell ist.
Eine WM für alle wird es nicht geben!

Cláudia Fávaro (c) Engagement Global

Die Comitês Popular da Copa vertraten zunächst den Slogan "eine WM für alle". Inzwischen heißt der Slogan "die WM  wird es nicht geben". Wie sind die Comitês entstanden? Wie und warum haben sich die Forderungen verändert?

Cláudia Fávaro: Die Basiskomitees begannen sich 2010 in den zwölf Austragungsstädten zu organisieren. Das Augenmerk lag auf Wirkungsmonitoring, auf der Herausgabe von Materialien und Informationen für die Communitys, um Druck auf die Regierung auszuüben, damit sie einige Menschenrechtsverletzungen rückgängig macht. Immer mit dem Ziel, dass die Weltmeisterschaft der brasilianischen Bevölkerung zu Gute kommen würde, dass wir eine „WM für Alle“ haben würden; dass die brasilianischen Bürger_innen sich wirklich als Teil dieses Prozesses fühlen würden und an der Weltmeisterschaft teilhaben könnten.

Natürlich hatten wir in diesen drei Jahren des Handelns mehrere Erfolge. In Natal waren knapp über 1000 Umsiedelungen vorgesehen, es werden 30 sein. In Fortaleza hatten wir eine ganze Gemeinde, die nun nicht umgesiedelt wird, wir konnten die Trassenführung ändern. In Porto Alegre gelang es uns, Gelände zu enteignen um Sozialwohnungen zu bauen. Aber es war immer ein echter Kampf, es gab nie ein Signal der Regierung, dass sie wirklich eine „WM für alle“ will.

Aufgrund einer Reihe von Vorkommnissen in der brasilianischen Politik gingen die Menschen dieses Jahr zu Tausenden auf die Straße. Die Basiskomitees sind Teil dieses Kampfes, der in der Frage der Mobilität und des öffentlichen Nahverkehrs seinen Anfang nahm. Aber auch die Ablehnung der FIFA und die Ablehnung der Ausbeutung des brasilianischen Gebietes hallten in den tausenden Proteststimmen wieder.

Man hörte häufig Stimmen, die schrien „FIFA go home“ und „Die WM wird es nicht geben“ – eine Reihe von Dingen, die aus den Demonstrationen hervorgingen. Daher ist es uns heute unmöglich, noch für eine „WM für Alle“ zu argumentieren. Eine solche WM ist nun Teil eines Traums, der (zumindest in Brasilien) nicht verwirklicht werden wird. Leider muss unser Handeln jetzt darauf gerichtet sein, die FIFA anzuklagen: Anzuklagen, was die FIFA aus dem Sport macht, was sie mit den Gebieten der Länder macht, in denen sie die Veranstaltungen organisiert, um sie in gewisser Hinsicht zu schwächen, damit die Regierungen und die Zivilgesellschaften der anderen Länder sich ihrem Überfall machtvoll entgegenstellen können.

Es gibt also eine Verbindung zwischen den Protesten und der FIFA WM. Die sozialen und die politischen Bewegungen organisieren sich schon lange. Es ist keine neue Entwicklung, dass diese Menschen auf die Straße gehen. Aber siehst Du etwas Neues in dieser Kraft, in dieser Größenordnung?

Cláudia Fávaro: Ohne Zweifel hat die WM etwas mit den Protesten zu tun! Denn die Weltmeisterschaft, die Großereignisse, beschleunigen die Prozesse des Ausverkaufs der Städte; den Versuch, das Bild der brasilianischen Städte zu ändern.

Die Brasilianer_innen identifizieren sich sehr mit dem Bild ihrer Städte, das wir schon haben. Die Cariocas lieben Rio, die Porto Alegrenses lieben Porto Alegre. Wir brauchen also nicht das Bild unserer Städte zu verändern, um es dem Ausland verkaufen zu können. Wir wollen uns das Bild der Städte aneignen. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu den Städten bei ihren eigentlichen Bürgern und Bürgerinnen haben.

Mit Sicherheit hat die überfallartige Art und Weise mit der die Großereignisse in die Städte eingreifen dazu geführt, dass Rechtsverletzungen stärker, gewalttätiger und schneller wurden. Das ist der Bevölkerung zweifellos ins Auge gestochen. Daher kommt es, dass tatsächlich während der Demonstrationen plötzlich Kritik an der Organisation der WM in Brasilien aufkam, vor allem in Richtung der FIFA.

Eine letzte Frage: Was ist Ihre Perspektive, was ist ihre Hoffnung im Blick auf die Zukunft, auf das kommende Jahr? Was planen Sie?

Cláudia Fávaro: In der nächsten Zeit müssen wir unseren Weg der Kämpfe darum, für wen diese WM ist, fortsetzen und uns dafür ins Zeug legen, dass die Leute weiterhin Fragen: wem nützt diese WM wirklich?

Außerdem werden wir im März ein Treffen mit Betroffenen abhalten. Da wollen wir versuchen, die verschiedenen Betroffenen aus verschiedenen Gemeinden aus allen Städten an einem einzigen Ort zusammenzubringen. Es sollen Eindrücke und Erfahrungen ausgetauscht werden, um die Kenntnisse aller für den Kampf der anderen einsetzen zu können.

Wir glauben, diese Bewegung im März wird sehr fruchtbar dafür sein, dass wir diesem Kampf wirklich einen Nährboden geben können und die Basisarbeit der Basiskomitees in den Städten politisieren.

Hören Sie das Interview als Broadcast bei Radio Dreyeckland.


 

Cláudia Fávaro war zusammen mit Prof. Carlos Vainer (Universität Rio de Janeiro) auf Einladung der Kooperation Brasilien und der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) der Engagement Global GmbH für die Veranstaltungsreihe “Die Stadt den Menschen” (22. bis 26.10.2013) auf Vortragsreise in Stuttgart, Frankfurt und Köln.