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Editorial. Wie der Fußball Brasilien mit Füßen tritt

Bei der Fußballweltmeisterschaft der Männer geht es nicht nur um Sport und Spiel. Das neue Brasilicum blickt auf die sozialen Kosten der WM in Brasilien.
Editorial. Wie der Fußball Brasilien mit Füßen tritt

Liebe Leserinnen und Leser,

bei der Vergabe der Männer-Fußball WM 2014 nach Brasilien schien noch alles in trockenen Tüchern. Fußballbegeisterung und 'brasilianische Lebensfreude' wurden als tragende emotionale Säulen für das sportliche Megaevent vorausgesetzt, die aufstrebende Wirtschaftsmacht Brasilien schien der idealtypische Gastgeber für die WM 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro.

Inzwischen kommen Zweifel auf, welche Stimmung sich in Brasilien rund um die WM 2014 durchsetzen wird. „Die WM wird es nicht geben!“ lautet der Slogan der WM-Basiskomitees, die sich landesweit an allen Austragungsorten organisiert haben. Zu viele Erwartungen, die brasilianische WM zu einer für alle zu machen, sind nicht erfüllt worden. Mitverdienen am großen Fußballfest wollten zunächst Viele. Inzwischen macht sich Ernüchterung breit: Wie in Südafrika wird es in Brasilien Bannmeilen mit Sonderregelungen um die zwölf Stadien geben. Straßenhändler*innen sind in und um die Stadien unerwünscht. Die FIFA hat über die Jahre den vollen Profit an ihrer Marke Fußball-WM eingefahren. Sie sichert sich dafür gesetzlich Teile des öffentlichen Raumes des Gastgeberlandes. Der Vorwurf der kritischen Stimmen richtet sich an die Regierung und die FIFA, die für das kommerzielle Megaevent gemeinsame Sache machen und dabei demokratische Grundrechte mit Füßen treten. Zwangsräumungen und städtebauliche Entwicklungen, die die Segregation der brasilianischen Gesellschaft fördern, werden vorangetrieben. Im Namen von Sicherheit und Terrorbekämpfung kommen Polizei und Militär zum Einsatz. Favelas werden tourismusgerecht in Szene gesetzt, unerwünschte Demonstrierende drohen kurzerhand von der Straße geräumt zu werden. Eine neue Welle der Repression macht sich breit, um der Welt an den Bildschirmen ein Bild der 'Ordnung' und des 'Fortschritts' zu demonstrieren.

Das aktuelle Heft ist in Zusammenarbeit mit dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre entstanden. Gemeinsam mit den Kritischen Aktionärinnen und Aktionären fordern wir,  Menschen- und Arbeitnehmer*innenrechte einzuhalten und werfen einen genaueren Blick auf die Profiteure der Megaevents.

Das vorliegende Heft ist eine erweiterte und aktualisierte Neuauflage des Brasilicum 222_223, das zum Runden Tisch Brasilien 2012 erschienen ist. Dieser stand noch unter dem Motto „Eine WM für alle!” Damals bestand noch Hoffnung, im Gespräch mit den politischen Gremien und der FIFA ein sozial gerechtes Großereignis auf die Beine zustellen. Nach vielen weiteren Demonstrationen, die teilweise gewaltsam von der Polizei aufgelöst wurden, gescheiterten Gesprächen und neuen, schärferen Gesetzen, ist diese Hoffnung geschwunden. Zwar gab es kleine Erfolge, aber insgesamt ist es wenige Wochen vor dem Eröffnungsspiel für eine „WM für alle” zu spät. Argemiro Ferreira de Almeida vom WM-Basiskomitee in Salvador drückt es so aus: „Das Modell der FIFA ist ein Modell, das fatale Folgen mit sich bringt. Denn es grenzt Menschen aus, die nicht dazu gehören sollen.“ Dieses traurige Fazit ist für uns Anlass genug, die WM noch einmal kritisch zu hinterfragen, Hintergründe und Motive der Protestbewegung herauszustellen und die Folgen von Grund- und Menschenrechtsverletzungen zu beleuchten.

Die Redaktion

 

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