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Brasilianische Medienlandschaft auf dem Weg zur Weltmeisterschaft?

Spätestens wenn am 12. Juni 2014 in São Paulo der Anpfiff für das Eröffnungsspiel der Fußball- Weltmeisterschaft der Männer ertönt, wird die weltweite Öffentlichkeit sich einen Monat lang mit sportlichen Wettkämpfen aber auch mit dem Land Brasilien beschäftigen. Mit welcher Brille betrachten internationale Journalist_innen dann das größte Land Südamerikas und seine Bevölkerung, die sozial, regional und von ihren Wurzeln her sehr heterogen ist?
Brasilianische Medienlandschaft auf dem Weg zur Weltmeisterschaft?

"TV Bobo". Demonstration in Rio de Janeiro gegen die Medienkonzerne. Photo: Christian Russau

Schafft es die Berichterstattung bei uns, über die gängigen Klischees von Fußballzauber, Samba, Karneval und der Armut in Favelas hinaus zu kommen? Wird Brasilien ausschließlich als das neue Wirtschaftswunderland des Südens im Verbund mit den BRICS-Staaten dargestellt? Seit der Regierungszeit von Präsident Lula ist Brasilien Meister der Selbstinszenierung auf internationalem Parkett. Es punktet mit seinem starken Wirtschaftswachstum, der Rettung des Regenwaldes, Auftritten bei der internationalen Klimakonferenz, starken Exporten auf dem Agrarweltmarkt (Rindfleisch, Soja und Zuckerrohr) und sicher auch als strahlender Gastgeber der WM 2014 im eigenen Land.
Wird es daneben auch andere Töne geben, einen Blick hinter die Kulissen? Hin zu den für die WM Umgesiedelten, zu Menschen, die strukturell für ein besseres Leben in ihrer Favela kämpfen, zu Straßenhändler_innen, denen die FIFA den Verkauf ihrer traditionellen lokalen Produkte in Stadionnähe versagt?
Wenn man ein gutes Jahr vorher die deutschsprachige Medienlandschaft danach absucht, findet man vor allem Einträge aus der Fußballszene und von Tourismusanbietern. Sie liefern Berichte zum Stand der Bauarbeiten in den Stadien und daneben über Wohltäter wie Franz Beckenbauer und den brasilianischen Ex-Fußballer Jorginho, die Fußballschuhe und einen Neuwagen von einem deutschen Autohersteller in eine Favela spenden. Sie wollen, neben dem Werbe- und Wohltätigkeitsaspekt, damit die Jungen glücklich machen, die dort leben. Kurzum – es gibt sehr unterschiedliche Bilder, die man von Brasilien haben kann. Welche davon werden während des WM-Monats neben dem Fußball transportiert?
Um nicht falsch verstanden zu werden: In Deutschland gibt es viele kritische Printmedien mit Beiträgen zu Brasilien, denen man eine differenzierte Landes- und Menschenkenntnis anmerkt. Beispielhaft seien an dieser Stelle genannt: Lateinamerikanachrichten, iz3w, ila, Brasiliennachrichten, E+Z. Weltsichten, Brasilicum - ohne dass die Liste damit vollständig wäre.
Wie sieht es allerdings mit den Medien in Brasilien aus? Wer sich in der Medienlandschaft nicht auskennt, orientiert sich an der Berichterstattung der nationalen Massenmedien, um sich zu informieren. Im Januar 2013 veröffentlichte die brasilianische Sektion der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) den Bericht O país dos 30 Berlusconis (Brasilien, das Land der 30 Berlusconis)[1]. Der Bericht untersucht die Pressefreiheit in Brasilien und stellt dem Land ein schlechtes Zeugnis aus: 2012 wurden 5 Journalist_innen wegen ihrer Arbeit getötet, 2013 wurden seit Anfang des Jahres bereits 3 Journalist_innen umgebracht[2]. Die Mehrzahl der Gewalttaten trug sich im Nordosten und Norden des Landes zu. Aber Mord und Gewalt sind laut ROG nicht die einzigen Indikatoren für Brasiliens Trend zur Maulkorb-Nation. Trotz der vielen Internetnutzer_innen und Orkut-Fans (brasilianisches Facebook-Äquivalent) bleibt der Zugang zu kritischen Informationen, die ein Land mit Widersprüchen zeichnen, ein weitreichendes Problem. Nur zehn große Unternehmer_innenfamilien teilen das Medienmonopol im Print und Rundfunkbereich unter sich auf. Sie bestimmen, welche Informationen die Öffentlichkeit erhalten soll und welche nicht. Folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Massenmedien und ihre mächtigen Besitzer:


Medienunternehmen Rundfunk, Eigentümer:

Globo-Gruppe, Familie Marinho
Sistema Brasileiro de Televisao SBT, Silvio Santos Gruppe
Rede Bandeirantes, Saad Gruppe
Record, Edir Macedo


Medienunternehmen Druck, Eigentümer:

Globo-Gruppe, Familie Marinho
Folha de São Paulo­-Gruppe, Familie Frias Filho
O Estado do São Paulo-Gruppe, Familie Mesquita
Zeitschrift Veja, Editora Abril

Der ROG-Bericht vergleicht diese Eigentumsverhältnisse mit denen beim Landbesitz in Brasilien: Wenige Großgrundbesitzer konzentrieren Macht- und Entscheidungshoheit auf sich. „Mit den Medien in Brasilien verhält es sich wie mit der Landkonzentration: Es gibt Latifundien so groß wie Belgien und es gibt Medienkonzerne, die Kartellen gleichkommen“, bringt es José Arbex[3] auf den Punkt. Arbex ist Hausautor und stilprägend für das Magazin Caros Amigos, einem Beispiel für alternative Medien in Brasilien.
Die Medienlandschaft ist zudem stark von Politiker_innen und deren Interessen durchsetzt, was nicht zur unabhängigen Meinungsbildung beitragen kann. Mit hohem finanziellen Aufwand sichern sich Regierungsmitglieder, staatliche Behörden und staatliche Firmen (so z.B. der nationale Erdölkonzern Petrobras und die landeseigene Banco do Brasil) Werbeauftritte und eine für sie günstige Berichterstattung.
Kritische Stimmen werden von dieser Medienlandschaft mundtot gemacht. Ihre Beiträge werden in den offiziellen Medien schlicht ausgefiltert, weil sie nicht der Meinung der Eigentümer entsprechen. Als Beispiele für kritischen Journalismus nennt der Bericht José Sarney und Lúcio Flavio Pinto. Letzterer ist Journalist und Blogger und machte sich mit kritischen Beiträgen zur Entwaldung und illegalem Holzhandel mit wertvollen Hölzern in Pará einen Namen. Unbequeme Töne müssen jedoch mit Geldbußen und Gerichtskosten rechnen. José Cristian Góes wurde für einen Kurzbeitrag auf seinem Blog im Mai 2012 zu hohen Strafen verklagt, auf dem er Nepotismus und Korruption lokaler Politiker anklagte, ohne dabei Namen genannt zu haben. Mit solchen Maßnahmen wird die Pressefreiheit mit Füßen getreten. Kritik am Regierungsstil oder den Machthabenden ist damit immer ein Drahtseilakt. Über die zunehmende Kriminalisierung ihrer Arbeit klagen auch die sozialen Bewegungen in Brasilien in zunehmendem Ausmaß. Internationale Aufmerksamkeit für ihre Kampagnen kann ein Schutzschild gegen diese Schikanen sein, allerdings nicht in allen Fällen.
Im weltweiten Ranking der Pressefreiheit[4] der ROG belegt Brasilien Platz 108 und hat sich gegenüber dem Vorjahr um 9 Plätze verschlechtert. Zum Vergleich: Deutschland erreicht Platz 17. Die ROG-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Brasiliens Medienlandschaft sich seit den Zeiten der Militärdiktatur nicht vielfältig und demokratisch entwickeln konnte, sondern immer noch in Monopolen verhaftet existiert, die sich mit Zensur und Bußgeldern ihren Status und ihre Unantastbarkeit sichern.
Die Ergebnisse des ROG Berichts sind auch jenseits der Landesgrenzen Brasiliens wahrgenommen worden. Repórter Brasil[5] berichtet über den Besuch des UN-Beobachters für das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit Frank William la Rue bei einem Seminar zu Jugend und Medien, bei dem er den stark kommerziellen Zugang zur Kommunikation bemängelt. Auch bei dieser Gelegenheit wurde betont, dass ein Medienmonopol nicht demokratisch sein könne.
Für eine ausgewogene Berichterstattung Im Zuge der kommenden sportlichen Großereignisse des Landes ist das keine gute Voraussetzung. Wer Interesse an alternativen Berichten und Bildern hat, sei auf Zeitschriften wie Fazendo Media, Brasil de Fato, Caros Amigos oder ANF[6], die Nachrichtenagentur der Favelas[7] verwiesen. Autoren bei letzterem sind u.a. Favelabewohnner_innen. 140 Beschäftigte und Unterstützer_innen wirken an der Herausgabe von A Voz da Favela mit, einem achtseitigen Monatsheft. Darin oder auf ihren Blogs beschreiben sie andere Favela-Perspektiven als die, die nur von Gewalt und Drogen handeln. Da ist die Rede von Kulturangeboten und einer DJ-Schule für Jugendliche. Mídia e Favela ist ein online Newsletter aus Maré, einer bislang von den UPPs nicht „befriedeten“ Favela im Norden von Rio de Janeiro.
Brasil de Fato berichtet beispielsweise über die Besetzung des Sekretariats für öffentliche Sicherheit in São Paulo durch die WM-kritische Bewegung[8] oder über den erneuten Druck auf das Museum der Indigenen[9], das vom Bau des Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro bedroht ist.
Auch kleine Radiostationen spielen bei alternativer Berichterstattung aus den Favelas in Brasilien eine große Rolle: Der ROG Bericht nennt als Beispiele aus Favelas in Rio de Janeiro das Radio Liberdade, das in Jacarezinho sendet. Die Radios Grotto, Nova Brasilia und Morada haben alle kein offizielles Senderecht, sie nutzen jedoch Lautsprecher, um die Bewohner_innen zu informieren. TV Tagarela existiert ebenfalls ohne Sendegenehmigung. Es kommt aus der Favela Rocinha und organisiert öffentliche Diskussionsveranstaltungen, die auf Video aufgenommen werden und dann verkauft werden. Die UPPs reagieren auf diese Selbstorganisation der Favelabewohner_innen manchmal mit Zensur. Bislang waren es die Anwohner_innen nicht gewohnt, dass sie einen Antrag bei der Polizei stellen müssen, ehe sie öffentliche Diskussions- oder kulturelle Veranstaltungen abhalten wollten.

Fußnoten;
[1] http://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/rte/docs/2013/brazil_report.pdf / http://es.rsf.org/IMG/pdf/relato_rio_brasil.pdf
[2] http://en.rsf.org/press-freedom-barometer-journalists-killed.html?annee=2013
[3] http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/612.html
[4] http://www.reporter-ohne-grenzen.de/ranglisten/rangliste-2013/
[5] http://reporterbrasil.org.br/2013/03/relator-da-onu-para-liberdade-de-expressao-critica-concentracao-de-midia-no-brasil/
[6] http://www.dandc.eu/de/article/ueber-das-internet-geben-bewohner-brasilianischer-armenviertel-einblicke-ihren-alltag
[7] http://www.dandc.eu/de/article/rios-favela-nachrichtenagentur-verbreitet-die-ansichten-der-benachteiligten-bevoelkerung
[8] http://www.brasildefato.com.br/node/12389
[9] http://www.brasildefato.com.br/node/12382