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2013 beinahe zum dritten Mal im Leben geräumt

Altair Antunes Guimarães, comunidade Vila Autódromo, Stadtteil Jacarepaguá, Rio de Janeiro, und 900 weitere Familien sollten wegen der in Rio anstehenden Großevents wie Fußballweltmeisterschaft und Olympische Spiele aus ihren Häusern vertrieben werden. Doch Widerstand lohnt sich.
2013 beinahe zum dritten Mal im Leben geräumt

Photo: Tatiana Lima. desInformémomos.org

Altair ist 60 Jahre alt und seit 2003 Sprecher von 900 Familien der comunidade Vila Autódromo, Rio de Janeiro. Altair wurde bereits 1965 aus seinem Haus an der Lagune Rodrigo de Freitas geräumt. 1995 stand dann sein Haus in der Cidade de Deus der Schnellstraße Linha Amarela im Weg. Und die Vila Autódromo sollte wegen Baumaßnahmen für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro zwangsumgesiedelt werden. Das Testimonio von Altair erfolgte im April 2011. Nach jahrelangem Kampf erhielt die Vila Autódromo im August 2013 vom Bürgermeister letztlich das Bleiberecht zugestanden..

„Ich wuchs auf in der comunidade Ilha dos Caiçaras, da an der Lagune Rodrigo de Freitas. 1965 war die Regierung von Carlos Lacerda. Der Vorwand war, dass wir die Lagune verschmutzten. Alles Lüge! Heute ist das der schickste Ort von Rio. Es war Immobilienspekulation. Es war Diktatur. Eine etwas andere Zeit, wo niemand sich beschwerte, aber so wie ich das sehe, war das gar nicht so anders. Weil heute, da hast du mehr Freiheiten, aber du darfst auch nicht schreien. Wenn du schreist, bekommst du sofort Pfefferspray ins Gesicht oder Prügel in dem Stil 'Halt's Maul, dass du es kapierst'.
Ich wurde mit meiner Familie in einem Müllwagen geräumt. Als wir ausgeladen wurden, waren wir in einem Stadtteil, den niemand kannte und von dem wir noch nie gehört hatten. Ein Ort ohne Strom, Wasser, Schule, inmitten von Nichts. Da gab es nur Gestrüpp, lehmige Erde und Staub. Das war der Stadtteil Cidade de Deus. Ich fühlte mich verloren, ohne Freunde, ohne Boden, alleine. Ich war ohne Heimat.
Was sie mit mir gemacht hatten, das verstand ich erst 30 Jahre später, als mein Haus der Schnellstraße Linha Amarela, die das Zentrum der Stadt mit der Westzone Rios verbindet, im Wege stand. Das war zur Regierungszeit von César Maia. Damals wurde ich nicht geräumt, ich wurde umgesiedelt. Der Unterschied ist, dass sie uns zwar aus unseren Häusern holten, uns aber in der gleichen comunidade in von der Regierung erbauten Häusern unterbrachten. Nur, dass diese Maisonette-Häuschen nicht nur klein sind, sondern die wollten uns nur das Skelett des Hauses geben. Nur den Boden und die Wände. Das Oben sollten wir Bewohner alles selber machen. Absurd. Damals fing mein Kampf an. Mein politisches Bewußtsein. Mit Widerstand und vielem Disput mit der Präfektur schafften wir es, dass die alle anfallenden Kosten übernahmen, so wie es sein sollte.
Dann zog ich weg aus der Cidade de Deus. Ich fing ein neues Leben an und entschied mich für die comunidade Vila Autódromo. Das war vor 16 Jahren. Ein ruhiger Ort, sehr grün, meine jetzige Frau ist von dort. Seit 2003 bin ich dort Sprecher der comunidade. Der Gouverneur Brizola vergab 1992 das Nutzungsrecht für 40 Jahre. Dann gab uns der Gouverneur Marcelo Alencar weitere 99 Jahre. Aber der jetzige Bürgermeister Eduardo Paes will die Vila Autódromo räumen. Dauernd läßt er sich was Neues einfallen. Wir wurden schon als alles dargestellt: Verschmutzer, Zerstörer, Unruhestifter, Unansehnliche, Eindringlinge, als einzig mögliches Gelände für die Unterkünfte der Athleten der Panamerikanischen Spiele, Gelände für ein Medienzentrum, ein Rechenfehler oder Sicherheitsszone der Olympischen Spiele und jetzt gerade werden wir wieder zum Naturschutzgebiet, was gleichbedeutend ist mit, wir seien Zerstörer. Wir sind umzingelt von Luxus- und Mittelklassehäusern, aber Reiche verschmutzen ja nicht. Also, die Vila Autódromo von hier zu vertreiben, das ist Ehrensache für den Bürgermeister. Er hat zu mir schon direkt gesagt, dass die Bewilligungen der anderen Regierungen über die Landnutzung nichts wert seien, nur ein Stück Papier. Aber dieses Dokument bewahrt die comunidade seit 19 Jahren. Kein Richter versteht, wie die Präfektur ein Land beanspruchen kann, das ihr nie gehörte, weil das Gebiet war ja vom Bundesland für soziale Nutzung durch die comunidade bestimmt gewesen.
Mein Leben ist eine Geschichte von Kampf und Leid, von Streit mit den Regierungen, die dauernd meinen, dass sie die Armen einfach so nehmen und von einem Ort zum anderen schmeißen können. Ich glaube nicht an das Recht für die Armen, für die Schwarzen und die Prostituierten. In diesem Land hier, da funktioniert das Recht nur für die Reichen.“
// Tatiana Lima, desInformémomos.org. Gekürzte Übersetzung: Christian Russau

Entnommen und übersetzt aus desInformémomos.org

Dieses Testimonio erschien in dem Gemeinschaftsdossier der Lateinamerika Nachrichten und der Rosa Luxemburg Stiftung unter dem Titel "Im Schatten der Spiele. Fußball, Vertreibung und Widerstand" in der Lateinamerika Nachrichten-Ausgabe 471/472, September - Oktober 2013.